Das Bielefelder Studentenwerk hat mit einer Pioniertat für bundesweites Aufsehen gesorgt: Erstsemester können neuerdings an
Fachführungen durch die lokale Gastronomie teilnehmen. Unabhängig von Kommerz, aber auf streng wissenschaftlicher Grundlage
und mit erstaunlichem Praxisbezug werden diese Führungen vom ZiF (Zentrum für interessante Flaneurstudien) durchgeführt.
Das Trendmagazin Ultimo hat eine Führung begleiten & sorgfältig mitstenografieren lassen und diesen O-Ton nun in seinem
aktuellen Uni special veröffentlicht. Wer sich nicht der Mühe einer Zeitungslektüre aussetzen möchte, kann den Text hier bequem
an seinem LCD-Bildschirm genießen.
Anmeldungen zur nächsten Bielefelder Gastro-Exkursion nimmt das Studentenwerk entgegen.
Oder Online-Anmeldungen unter Angabe von Name und Matrikelnummer hier: bielefelderflaneure -ät- web -Pünktchen- de
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Seien Sie herzlich begrüßt, verehrte Damen und Herren, zu unserer abendlichen Exkursion für studentische Gastrofrischlinge aus den ländlichen Randgebieten der nordrhein-westfälischen Zivilisation. Während sich Ihre Eltern in Versmold-Loxten oder Meschede-Erflinghausen grämen, Sie allein der großen Stadt überlassen zu haben, erhalten Sie nun ein solides Grundlagenwissen über das urbane Regelwerk des zeitgemäßen Großstadtflanierens.
Wir befinden uns auf dem Bahnhofsvorplatz, den man getrost als die stets fröhlich pulsierende Herz-Lungen-Maschine unserer erstaunlichen Stadt deklarieren darf, und marschieren nun in lockerer Formation Richtung Feilenstraße. Um es gleich vorab zu klären: Das spielzeugbunte Areal hinter dem Bahnhof, scherzhaft auch Boulevard genannt, ist nicht Teil unseres sorgfältigen Schulungsprogramms. Der Grund ist ganz simpel: Im zarten Alter von zirka zwölf Jahren sind Sie alle mit Ihren Eltern auf Mallorca gewesen und haben abends in der Party-Meile neben Ihrem Dreisternehotel die wilde Aura von Las Vegas gesucht. Soweit präzise? Okay. Hinter unserem braven Bahnhof, liebe Bielefelder Neubürger, finden Sie grundidentische Freizeitvorrichtungen wie in den Tourihochburgen der beliebten Baleareninsel. Somit reicht frühpubertär erworbenes Mallewissen völlig aus, um hier arealangemessen zu manövrieren. Aber Obacht: Sonnenmilch, Strandmatten und Schwimmhilfen sind hier weniger im Angebot.
Nun haben wir schon die Feilenstraße erreicht und erblicken rechter Hand eine klassische Zwillingsgastronomie: In vorbildlicher Symbiose leben hier das kleine Brat- und Backstudio
Thessaloniki-Grill und das grundsolide
Kronenstübchen (Bahnhofstraße 47), wo Wirtin Vicky Mavromatidis seit 19 Jahren frische Abendbiere zapft, dampfende Abendspeisen serviert und ansonsten die ungekrönte Königin natürlicher Freundlichkeit ist. Mein-Name-ist-Schnurz-was-kann-ich-für-sie-tun-Plastikgelaber hat hier Hausverbot, stattdessen regiert ehrliche Freundlichkeit. Begrüßen sie Frau Vicky daher mit angemessener Höflichkeit und beachten bitte anschließend, dass hier eine gaststubeneigene Telefonzelle installiert und der Fahrplan vom Hauptbahnhof ausgehängt ist. Sowas nennen wir vorbildlichen Vicky-Service am Gast! Wenn Sie also am kommenden Freitag kurz vor der Heimreise noch ein, zwei flinke Pils zischen möchten: hier haben Sie den Fahrplan für spontane Reiseplanänderungen immer im Blick und können Ihre Eltern per Telefonzelle über eine spätere Ankunft informieren. Perfekt!
Sobald Sie Ihren zapffrischen Herforder Hopfenaperitif geleert haben, schlendern wir wenige Meter Richtung Bahnhof zurück. Nun wechseln wir die Straßenseite und lassen uns bei
Alibaba’s Holzkohlegrill (Bahnhofstraße 44) nieder. Der fleißige Wirt hat wohl wieder akut im Keller zu werkeln, das macht aber nix, wir lassen uns von Herrn Ishak, seiner erfahrenen rechten Hand, eine ofenfrische Lage Hirtenbraten servieren. Bitte äußern Sie angemessen umfangreiches optisches & akustisches Erstaunen über die Köstlichkeit dieser Speise. Gemüse, Lamm und Olivenöl haben hier einen derart gaumengöttlichen Auftritt, dass wir eine Minute in stiller Demut verharren wollen. Dazu reicht uns Herr Ishak hurtig eine kühle Galerie Efes-Bier, das mit dem innovativen Kronkorkenschraubverschluss ausgestattet ist. Insoweit: Prosit, Abendglück!
Die Zeit drängt, der
Ay-Grill (Bahnhofstraße 61) ruft, also auf-auf die Straße hoch Richtung Hauptbahnhof und links bei Herrn Halil Ay eingekehrt. Im Ay-Grill schwören viele Gäste auf das filigran gedrechselte Döner, andere loben aufwändig die feinen Tagesgerichte. Tja, die Entscheidung fällt schwer. Aber womit auch immer Sie sich hier glücklich machen wollen, notieren Sie bitte den Merksatz für den Moment nach der Nahrungsaufnahme: Ay-Grills selbstbewusster Raki klärt jede Verdauungssituation zuverlässig. Nachdem Sie sich von Herrn Ays nettem Praktikanten Feyas anschaulich über die historischen Wurzeln, die tiefe Friedfertigkeit und den Pantheismus des Yesidentums haben aufklären lassen, zappen wir gemütlich zur nächsten Futterkrippe des Abends.
Der
Düzgün-Grill (Am Bahnhof 6) residiert auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofsvorplatzes, wo Frau Nurten Düzgün schon fröhlich lächelnd auf uns wartet, denn heute steht ihr göttliches Haşlama auf dem Spielplan. Erleben Sie ganz großes Bolschoi mit grobsegmentierten Feldfrüchten, welpenweichem Lammfleisch und Sahnejogurt mit Zauberkräutern. Vergessen Sie dabei nicht den Hügel Reis, das Handballfeld Salatbeilage und den Großkorb warmen Fladenbrotes. Beachten Sie bitte außerdem am Nachbartisch Herrn Uwe, der als ehemaliger LKW-Fahrer halb Europa bereist hat und nun als Rentner weiß, wo man klugerweise Stammgast sein sollte. Auch wenn ein versehentlich geordertes zweites Tagesgericht „sofort in den Speck geht“, wie Herr Uwe soeben orakelt, so soll das weder ihn noch uns daran hindern, das zu tun, was die Götter des Genusses von uns fordern: Teller leer essen und Nachschlag sichern.
Derart fein gestärkt geht unsere kleine Reise weiter. Allerdings, liebe Flaneur-Azubis, die Freizeiteinrichtung gleich nebenan mit dem Schriftzug
Movie (Am Bahnhof 6) suchen wir nicht auf. Dort haben Sie leider erst ab dem dritten Semester Zutritt. Wegen Coolness und so.
Lassen Sie uns stattdessen eine alte Bielefelder Gastro-Institution ansteuern, wo jeder herzlich willkommen ist:
Bei Taki (Herbert-Hinnendahl-Straße 11). Hier begrüßt uns der Wirt Alexandros Georgas mit Handschlag und serviert neben den lieblichen 0,2 l-Pilstulpen eine eiskalte Lage Grashüpfer für alle. Dies fröhliche Kurzgetränk in neongrün, meine Damen und Herren, wird hier gern ausgeschenkt, denn es polt die Neurotransmitter ruckzuck auf Feierabend, und zwar in einer spezifisch ostwestfälischen Schützenfestvariante. Kurzer Sanitärhinweis: Wer von Ihnen sein Wasser jetzt nicht abschlagen muss, kann den
Taki-Abort später unter
www.restroom-charts.com virtuell aufsuchen. In diesem gigantischen Welt-Toiletten-Archiv hat unser liebes Taki selbstverständlich seinen noblen Platz. Bitte lenken Sie Ihren studentischen Blick nun auf die telefonzellengroße Tanzfläche. Kurz vor Mitternacht kann es hier zu akutem Dirty Dancing kommen, das die schrille Version, die ihre Eltern seinerzeit im Kino atemlos bewundert haben, makellos vergoldet. Bis es soweit ist, können Sie sich gern einem fröhlichen Gelegenheitstänzchen hingeben. Die kräftige Jukebox bietet dazu eine komfortable Tanz-Flatrate, die mittels eines ausgeklügelten Zufallsgenerators Titel auswählt, mit denen Sie garantiert nicht gerechnet haben. Ansonsten notieren Sie bitte den Merksatz: Taki-Wirt Alex zapft schneller als Sie bestellen können. Kein Wunder, ist er doch ein versierter Synchronzapfer, denn sein Zwillingsbruder Theodorus verrichtet zeitgleich hochidentische Wirtshandgriffe im Schildescher
Landsknecht (Beckhausstraße 121). Schildesche kennen Sie noch nicht? Macht nix, Suburbs haben wir im nächsten Semester.
Unsere ereignisgetränkte Exkursion führt uns nun mit sportivem Schritt zu den Ausnahmemännern André & Ben. Diese zwei ebenso netten wie kräftigen Angestellten der
Partykneipe Schulz (Oberntorwall 18) stehen mit wachsamsten Adleraugen vor dem Eingang dieser wummernden Feierzentrale. Wer hier rein will, muss dem unbestechlichen Kontrollblick der beiden Deeskalateure standhalten. Ben weiß: "Das Schulz ist immer hart." Aufgemerkt! Haben Sie soeben den kurzen, scharfen Ruf eines Kollegen von innen gehört? Das hat die beiden eben noch völlig stoischen Männer mit Lichtgeschwindigkeit und zu jeder Deeskalation bereit ins Schulz zischen lassen. Zack-zack haben sie die Sache geklärt und sitzen Nanosekunden später wieder mit buddhistischer Seelenruhe vor dem Eingang als sei nix gewesen. Hier unser spezifischer Studienhinweis: Wer von Ihnen auf Lehramt macht, kann bei André & Ben ein Praktikum absolvieren. Ihr späteres Referendariat verkürzt sich dann pro Praktikumsstunde um eine Woche.
Was noch fehlt – Sie ahnen es natürlich – ist der Grundkurs Pommesverköstigung. Den können Sie nunmehr im
Karthago-Grill (August-Bebel-Straße 165) absolvieren. Schenken Sie bitte vorab im Speise- und Trinksaal den original Karthago-Grill-Fresken angemessene Aufmerksamkeit. Ihre Entstehungszeit wird auf das ausgehendes 20. Jahrhundert datiert; Fundort: Großraum Teutoburger Wald, Ecke August-Bebel-Straße. Widmen wir uns nun der unbestechlichen Pommesbegutachtung. Die fettgegarten Erdapfelstifte präsentieren sich fest im Anbiss, geben dem Kauvorgang angemessen schnell nach und verwöhnen schon bald mit wohliger Breikonsistenz. Im Abgang klingt Salzlake angenehm locker nach. Die Mayo ist zungenfrisch, im erwünschten Aggregatzustand und ausreichend essigsäurehaltig. Die leicht flockige Soße wirkt warm, würzig und suppt sich fein in die Pommes-Poren. Wir vergeben also die Note „leckerlecker“ und bedanken uns bei Wirt Khaled Medili und seinem fleißigen Neffen, die hier 13 bis 14 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zuverlässig die Ernährung Bielefelds sicherstellen.
Und nun geht’s einmal quer über die Straße zu einem glücklichen Abschluss-Tsatsiki in den
Larissa-Grill (August-Bebel-Straße 130). Sie fühlen eine leichte Grundsättigung den fröhlichen Abend grundieren? Dann tritt folgender Merksatz in Kraft: Larissas Beilagenteller geht immer! Zärtlich gehäckseltes Frischgemüse wird mit elegant geklöppelten Weißkrautfäden arrangiert, dazu lächelt lasziv ein Tsatsiki, für das schon Eheversprechen abgegeben wurden. Die sympathische Wirtsfamilie Ari hat das Tsatsiki-Rezept auf dem Boden einer gut 2.000 Jahre alten Amphore gefunden und ist damit im Besitz eines in altgriechisch abgefassten Göttergeschenks. An hohen Festtagen wird das historische Pergament langjährigen Stammkunden mit sakraler Geste vorgezeigt. Für alle Gäste gibt’s stets parallel zur winzigen Rechnung wahlweise einen Marsala oder einen Ouzo auf’s Haus. Cheers!