Sonderberichte

Donnerstag, 13. März 2008

Brauerei Rotingdorf (Sonderbericht aus Werther/Westf.)

Michael-Zerbst-
Gut gelaunter Bierbrauer: Michael Zerbst mit seinem Hausgetränk neben dem Braukessel

Immer auf der Suche nach gutem Bier und anderen Abenteuern haben wir heute Bielefeld verlassen und sind in den Kreis Gütersloh gereist. Werther ist unser Ziel, das allerdings größer zu sein scheint, als wir bisher geahnt hatten. Weit hinter dem Ortskern, rechts ab in die Landschaft, und dann noch ein paar Kurven - gut, dass wir ein Navi an Bord haben. Ein ostwestfälischer Gutshof empfängt uns, dann meldet sich der Hofhund und schließlich Michael Zerbst, der Brauer mit der Goldenen Hand. Im Freundeskreis ist einst die Idee für seine Brauerei entstanden, und nun fließen monatlich diverse tausend Liter lecker Rotingdorfer durch ostwestfälische Kehlen.

Bereitwillig und anschaulich schildert Michael Zerbst die ganze Geschichte dieser außergewöhnlichen Brauanstalt. Eine Wohngemeinschaft für ältere Menschen hat der Verein Lebensbaum in den 90-er Jahren hier geschaffen, und die ist bis heute aktiv. Michael Zerbst lässt zu unserem Vergnügen manche hübsche Geschichte einfließen, die das Leben mit den Älteren ihm geschenkt hat. Zum Beispiel die Geschichte von Frau von Mannstein, der Streitaxt und dem Hahn, der nicht geköpft werden wollte. Und als eines Tages Wildschweine über offenem Feuer gegart wurden - deren Felle übrigens heute als stille Dekoration von der Wand auf die Gäste hinabschauen - fehlte zur Komplettierung der deftigen Atmosphäre das selbstgebraute Bier. Von dieser Einsicht bis zur heutigen Produktion war es ein weiter Weg, aber ein schließlich erfolgreicher.

Für uns gibt's heute keinen Wildschweinbraten, sondern frisch geräucherte Lachsforellen, die im benachbarten Halle aufgewachsen sind und vom Chef persönlich für uns seziert werden. Für einen reibungslosen Ablauf des Zapfbetriebes sorgt seine Schwester Gaby, so dass wir immer einen guten Schluck Bier im Anschlag haben. Unsere Ohren werden ganz groß als wir hören, dass Michael Zerbst an die Herstellung von Single Malt Whisky denkt. Ein eigener Brunnen, der jetzt schon die Bierbrauerei mit besonders weichem Wasser versorgt, ist vorhanden. Single Malt Whisky aus Werther in Westfalen - das klingt solide!

Dann der Rundgang durchs Brauereigelände. Besonders beeindrucken uns natürlich die großen Tanks: Der durstige Helmut und die dicke Bertha stehen bräsig im Hof und warten auf eine neue Füllung. Im Hintergrund lümmeln sich allerlei Kleinfässer. Kein Zweifel, diese Brauereibesichtigung ist ein gelungener Abend. Daher übereichen wir Michael Zerbst unser Siegel Flaneur-geprüfte Brauerei und rufen fröhlich aus: Prost Rotingdorfer, Dich sehen wir wieder!

---> Brauerei Rotingdorf, Rotingdorfer Straße 10, 33824 Werther

Mittwoch, 9. Januar 2008

Der Neujahrs-Sonderbericht aus dem Ruhrgebiet

Quicky
Wo sich Ruhrgebiet und Niederrhein sanft vereinen, da steht stolz die prächtige
Stadt Dinslaken und lädt zum netten Verweilen ein. Wir waren hier zu Gast und
haben bei Ernsting's Flair einen Neujahrs-Quicky genossen. Wir kommen gern wieder!

Samstag, 17. November 2007

Wacholderdestilat und Vanilleduft (Sonderbericht aus Steinhagen)

Bettina
Wo das Wacholderdestilat keine Gefangenen macht und das Schnitzel erst nach Spielfilm-
länge eintrifft: Doch was wäre Steinhagen ohne die fleißige Bielefelderin Bettina Kreißl?


Lange ist es her, dass wir Sie mit einem Sonderbericht über die Gastronomie in der Ferne bereichert haben. Damals schauten wir uns Mallorca an, heute ist Steinhagen (Kreis Gütersloh) unser exotisches Ziel. Hier sind wir verabredet mit der engagierten TV-Redakteurin Anina Bromm und dem kreativen Kameramann Alexander Roch. Viele aufregende Drehtage liegen hinter uns, das schweißt zusammen und muss mit einem besonders exotischen Abschlussessen besiegelt werden. Dazu haben wir uns das Steinhäger Häuschen im fernen Steinhagen ergoogelt und betreten nun die Gaststube, ein Fachwerkhaus im Dorfzentrum. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Draußen ist es friedhofsruhig und kerkerdunkel, keine Seele ist weit und breit zu sehen. Doch im Steinhäger Häuschen sind die Gäste in Dorfstärke eingefallen. Hier plaudert, trinkt, speist und raucht fast ganz Steinhagen, und zwar hochagil. Gar nicht so einfach, noch einen freien Tisch zu sichern, doch schließlich sitzen wir neben einem Obstbrand-trinkenden Frauentisch mit Gemütlichkeitsaura. Stark zieht auch die kreiselige Tapete und das hauseigene Interieur unsere Aufmerksamkeit an. Aber dass die Toilette in erstaunlichem Vanilleduft erstrahlt, lässt uns doch besonders aufmerken.

Nach 30 Minuten beginnen wir uns zu wundern, dass unseren Tisch noch keine Nahrung erreicht hat. Doch dann wird uns klar, dass wir Teil eines spirituell-mediativen Plans geworden sind: Warten (45 Min.), geduldiges Warten (60 Min.) lässt den Wert der Speisen erst richtig erleben und erfühlen. Wenn der Hungerpunkt endlich überwunden ist (75 Min.), tritt transzendente Erleuchtung ein: Essen ist profan. Nahrung ist Ballast. Hunger ist Einbildung. Daher verwerfen wir die Idee, ein Pizza-Taxi zu alarmieren (82 Min.), sondern versinken im Glücksgefühl der Geduldigen (87 Min.). Doch schließlich weckt uns die nette Kellnerin aus tiefer Trance (89:30 Min.) und beglückt uns mit Weihrauch, Myrrhe und – Quatsch: Steinhäger Schnitzelparade & Co. ist angesagt! Sympathische Fleischvarianten, maulfreundliche Pommes, köstliche Bratkartoffeln und beißfrische Salate holen uns in die glückliche Welt des Schlemmens zurück. Später recherchieren wir folgende Hintergrundfakten: Der Koch hat heute frei. Der Chef legt an dessen Stelle allein die versierte Hand an die Kochtöpfe und Brutzelpfannen. Heute brummte der Laden infernalisch. Elternstammtische der Steinhäger Schulen sind komplett eingelaufen. Mit anderen Worten: Wir hatten keine Chance auf eine Blitzverköstigung.

Nach der Sättigung nippen und plaudern wir weiter, bis wir plötzlich bemerken: wir sind allein in der Wirtsstube, Steinhagen ist hübsch pünktlich ins Bett gegangen. Auch der Wirt hat sich erschöpft heimgeschleppt, nur noch die nette und fleißige Bedienung Bettina Kreißl bleibt uns als hiesige Gesprächspartnerin. Doch von ihr müssen wir erfahren, dass sie hier als Bielefelder Gastarbeiterin tätig ist, Infos über das Steinhäger Landleben sind bei ihr also nicht abzuholen. Aber sie beglückt uns mit einem lieblichen Wacholderdestilat, das garantiert in Steinhagen gebrannt wurde. Gänsehaut de luxe prasselt über unsere Körper. Ja, dieses Getränk räumt den Magen auf! Und macht dabei keine Gefangenen. Als wir schließlich aufbrechen, um durch den Teutoburger Wald heim zu rollen, resümiert unser Lieblingskameramann Alex erstaunt: "Noch nie im Leben war ich so lang in Steinhagen!" Und wir pflichten ihm bei.

---> Steinhäger Häuschen, Bahnhofstraße 2, 33803 Steinhagen

Sonntag, 11. November 2007

Unsigniert woll'n wir nicht schlafen gehen

mischa
Hat sein Buch und die Flaneur-Urkunde locker im Griff (und das Publikum sowieso):
Romanautor Mischael-Sarim Verollet am Tag X im Plan B


Aufgepasst, ab jetzt tritt Plan B in Kraft. Wo die Friedrichstraße mit einer urbanen Steilküsten-Variante an die Jöllenbecker Straße prallt, wohnt eine Neu-Gastronomie, die sich erschaffen zu haben scheint, um dem ersten Roman des Bielefelder Stadtpoeten Mischael-Sarim Verollet eine pikobello Startrampe zu bieten. Der Laden ist rappelvoll, aber wir scannen trotzdem erfolgreich die Lokalität und stellen fest: Nett eingerichtet, alles ist frisch und lecker renoviert. Schön auch, dass man im idyllischen Abort nostalgisch den Jahrzehnten nachträumen darf, als hier noch eine klassische Stadteileckkneipe das tägliche Durstlöschen praktizierte. Im Schankraum werden unterdessen kunterbunte Pizzascheiben durch die dicht an dicht plaudernden Menschenmassen getragen - essen kann man hier also auch? Schade, dass wir schon satt sind.

Und dann Auftritt Mischa. Der Moment, der ihm so viel bedeutet, ist endlich gekommen: Er präsentiert der Bielefelder Welt sein (O-Ton:) "Baby"! Es trägt den bezaubernden Namen "Lass uns doch Feinde sein" und kann schon sprechen. Den Mund dafür leihen ihm Papa Mischa und einige nette Onkels, die uns variantenreiche Passagen vortragen aus dem Leben eines Bielefelders, der in Berlin ... - ach wissen Sie was, lesen Sie den Roman doch gefälligst selbst!

Wenn wir von einem jungen Vater zur Geburtstagsfeier seines Babys eingeladen werden, dann bringen wir selbstverständlich ein kleines Präsent mit. Dem jungen Roman-Papa Mischa haben wir eine Gratulations-Urkunde überreicht, die er sich - so haben wir mit Mischa vereinbart - daheim in seinem Wohnzimmer über's Sofa hängt. Und wenn er Besuch erhält, setzt er sich genau unter diese Urkunde, die auf diese Weise zum "Flaneur-geprüfter Roman"-Siegel wird. Das ist doch angemessen, oder?

Karsten Strack, bekannt als Mindener Verleger, der in Paderborn wohnt und Bielefelder Top-Autoren ediert, hat mittels Verleger-Wintermantel und -Schal aus dem betonschweren Plan B-Kicker eine schicke Buchverkaufsfläche für Mischas Baby gezaubert. Und sein ambulanter Laden brummt! Gefühlte 5.000 Bücher gehen viertelstündlich über den Kicker-Verkaufstisch, und Mischa hat anschließend deftig was zu signieren. Auch wir Flaneure reihen uns gern in der Signierwarteschlage an, denn heute gilt für uns natürlich: Unsigniert woll'n wir nicht schlafen gehen.

---> Plan B, Friedrichstraße 65, 33615 Bielefeld

Samstag, 14. Juli 2007

Gebratene Hiebe mit Päpsten (Sonderbericht aus Teneriffa)

Über den netten Umweg Karl & Manfred
hat uns nun eine top Gastro-Empfehlung von Jutta
aus Teneriffa erreicht,
die wir der Bielefelder Weltöffentlichkeit natürlich nicht vorenthalten dürfen.

Heute Abend essen wir:
Nr. 3612. Päpste Arrugadas mit Benetze ich Picon
Nr. 3614. Krake zum Riechfläschchen
Nr. 3704. Sahne des Spargels
Nr. 3805. Gebratene Hiebe des Schweinefleisch
Nr. 3804. Kroketten mit Päpsten Brieten und Salat
Nr. 3810. Anteil (Teil) Sie Ißt Gebraten

Übrigens ist überall Stennern inbegriffen - vorbildlich!

Und was wählen Sie?

teneriffa

Sonntag, 20. Mai 2007

Fremdflaniert und nicht bereut (Sonderbericht aus Mallorca)

blas
In aller Seelenruhe Großes schaffen:
Blas Soto, der Hohepriester in Lukulls Tempel


Auch ein Flaneur muss manchmal Urlaub machen, und diesmal hat es uns auf die große der ballearischen Inseln verschlagen. Die Suche nach einer geeigneten Unterkunft mit seelepeppendem Ambiente war sehr erfolgreich. Villa Lorenzo heißt das Schätzchen, das uns für nettes Geld besten Komfort und enorm freudliche Gastleute beschert. Wenn TV-Reisejournale von der Schönheit Mallorcas schwärmen, dann gehört ein Kameraschwenk über den Hafen von Cala Figuera stets zum Standard der Berichterstattung. Allerdings spricht das nicht gegen dies hübsche Städtchen an der mallorquinischen Südküste, denn Cala Figuera kann sich gegen TV-Sterotypen einfach nicht wehren. Es ist von Natur aus zu nett und zu fein und zu ruhig. Unklar ist eh, ob es von unserem Planeten stammt. Geologen der Universität Madrid gehen inzwischen davon aus, dass Cala Viguera vor etwa 200 Jahren komplett, also so wie es ist, aus dem Weltraum heranrasend auf die Erde geknallt ist. Dafür sprechen viele außerirdisch gute Details, die man in diesem Flecken bestaunen darf. Und von einem dieser Details soll hier & heute die ehrfürchtige Rede sein: Von Blas Soto und seiner Kochkunst.

Die Eheleute Coloma und Blas Soto führen mit ihrer Villa Lorenzo nicht nur ein niedliches Hotelchen (14 Zimmer), sondern pflegen mit ihrem integrierten Restaurant einen Tempel des mallorquinischen Gaumenglücks. Der Hohepriester dieses lukullischen Borns heißt Blas Soto, und uns fehlen die Worte, seine Köstlichkeiten angemessen zu beschreiben. Blas ist gestern 60 Jahre alt geworden, und wir hatten das große und unvergessliche Glück, an seiner Geburtstagsfeier teilnehmen zu dürfen. Ja, sowas kann Ihnen hier passieren, denn Familie Soto schließt nette Gäste manchmal recht schnell in ihr großes, ehrliches Herz. Der Reisekatalogspruch "familiär geführtes Hotel" ist hier tatsächlich Wirklichkeit; wir sind Zeugen.

Zur Geburtstagsfeier sind Freunde aus dem In- und Ausland, Familienmitglieder vom Festland und Insulaner aus der Umgebung angereist. Alle lassen Blas, den bedächtigen und weisen Mann immer wieder hochleben, und er dankt es mit einem gigantischen Buffett, das bei uns Geburtstagsgästen immer neue Verzückungen hervorruft. Nun denken Sie, er habe sich für seinen Geburtstag besonders angestrengt? Aber ansonsten produziere er Hausmannskost im Schnellverfahren? Weit gefehlt! Die kleine Villa Lorenzo ist längst zum Gourmet-Geheimtipp avanciert, so dass sich hier auch gelegentlich Leute einfinden, die Sie möglicherweise vom TV kennen. Wen wir damit meinen, ist doch egal. ...na gut, z.B. Klaus Meine von den Skorpions, der irgendwo in der Nähe seine obligatorische Finca haben soll, könnte Ihnen hier den letzten Sitzplatz wegschnappen. Wir haben Sie gewarnt!

Was uns die wunderbare Feier übrigens offenbarte: Es muss irgendein iberisches Flamenco-Gen geben. Anders ist es uns jedenfalls nicht mehr erklärlich, wie die Gäste auch um ein oder zwei Uhr nachts hochgradig stürmisch, aber trotzdem rundum rhythmussicher sangen und tanzten, dass es eine Pracht war. Ostwestfälische Feste verlaufen irgendwie anders, vor allem deutlich nach Mitternacht.

Als wir das Geburtstagsfest in den Tiefen der Nacht glücklich und zufrieden verlassen, nimmt uns ein Nachbar beiseite. Ob wir eigentlich wüssten, bei wem wir da gerade gegessen hätten? Blas sei nicht irgendein Koch, erklärt uns der freundliche Mann in aller Ruhe, neinnein, Blas sei ein Künstler. Wenn der König die Insel besuche, dann rufe man Blas, damit er dem König den Nachtisch bereite. "Nur den Nachtisch?" staunen wir teilnahmsvoll. "Der arme König!" Da freut sich der Nachbar, weiß er doch, dass wir ihn verstanden haben.

---> Villa Lorenzo, C/Magallanes 11, 07659 Cala Figuera - Santanyi, Mallorca, España

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