Alle Futterkrippen

Donnerstag, 26. Juni 2008

Der super Hexenkessel in der Theaterstuben-Arena

Theaterstuben1
Enorm fleißige Vollprofis: Doris "Dodo" Ruhnau und Wirt Hans-Joachim "Jochen" Langhorst

Wir haben es gesehen, das Halbfinalspiel. Und wir haben erlebt, wie aus den Theaterstuben ein Hexenkessel wurde. Rechtzeitig sind wir angereist, um uns noch vor dem Anpfiff die Mägen voll zu schlagen. Wirt Jochen ist auch der Koch, und er zaubert uns leckere Sachen auf die Teller: Zigeunerschnitzel mit Riesenpommes oder das Schnitzel unter zwei Spiegeleiern oder die Pfifferlinge auf Kartoffelpuffern. Aushilfe Dodo rennt und flitzt, was die Schuhe hergeben. Zwar gibt es einzelne Selbstversorger, aber Dodo und Jochen rackern wie wild, so dass niemand darben muss.

Dann der Anpfiff. Glücklicherweise kommentiert unser Lieblingsgast Henner jeden Spielzug auf Expertenniveau: "Ist doch nicht wahr!", "Hat der geschlafen?!", "Was kommt denn im anderen Programm?" Béla Réty hat keine Schnitte gegen ihn. Und dann der Schock: Bild & Ton sind weg! Doch für uns kein Problem: Unser sympathischer Fußballgast Kai zückt das Händi und ruft sogleich seine Katy an, denn die ist in dieser Sekunde - kein Quatsch! - in Basel im Stadion. Wir sind also bestens online versorgt. Klasse! Doch schnell überbrückt Jochen das Problem und lässt eine Radioübertragung über die Lautsprecher rollen. Bei jedem Tor der deutschen Mannschaft wirft er eine Kiste Kümmerling ins Volk, und weckt dadurch einen starken Kümmerlingsdurst bei uns. Naja, und als dann irgendwann das Last Minute-Tor fällt rast, tanzt und jubelt der Saal, als gäbe es ein Leben lang Freibier. Am Ende analysiert Oliver Bierhoff sachkundig den gesamten Spielverlauf - exklusiv für uns! Oder war es Wirt Jochen? Egal, die Stimmung kocht, da schert man sich nicht groß um Namen.

---> Theaterstuben, Niederwall 16, 33602 Bielefeld

Mittwoch, 25. Juni 2008

Mit Hello Kitty an der Flaneur-geprüften Unfallstelle

Pizzeria_Sardegna1
Top Team mit Unfallerfahrung: Hotelfachfrau Fenja Schomborg und Wirt Vincenzo Sirigu

Kürzlich beim Morgenkaffee, ein Zeitungsbericht schreckt uns auf: Auto schleudert in die Eingangstür einer Pizzeria. Auweia, schlimme Sache sowas. Sorgenvoll entgleisen unsere Phantasien. Nun sind einige Tage vergangen, höchste Zeit also, der gebeutelten Pizzeria einen Besuch abzustatten und der Welt die erste Flaneur-geprüfte Unfallstelle zu präsentieren. Die Eingangstür weist notdürftig geflickte Spuren des herben Crash' auf, doch die Gaststube ist glücklicherweise unversehrt geblieben. Wir machen uns an einem großen Tisch breit und grabschen sogleich gierig nach den Überraschungseiern, die wir uns heute als Warming Up gönnen. Während wir uns mit SpongeBob und Kim Possible zufrieden geben müssen, hat unser Lieblingsgast Henner einen Riesendusel: das Hello Kitty-Ei ist seins! Aber nicht lange - denn da kommt auch schon Fenja Schomborg und serviert lecker Pils. Interessiert scannt sie unseren bunten Tisch und konfisziert sogleich mit jugendlicher Freundlichkeit die süße Hello Kitty-Figur inklusive Aufkleber. Wir leisten keine Gegenwehr, denn als Beleg ihres Besitzanspruchs berichtet sie, stets in Hello Kitty-Bettwäsche zu schlafen. Das nennen wir Stil! Außerdem hat sie drei Jahre aktiv Judo betrieben, da haben wir eh keine Chance.

Inzwischen hat Wirt Vincenzo Sirigu sein Handwerk am Backofen verrichtet und eine Pizza neben der anderen ziert unseren Tisch. Ein Anblick, der uns Geschmacksfäden aus den Mundwinkeln baumeln lässt - also: Messer frei! Schön dünn, dieser Teig, und knusprig. Die Soße tomatensaftig und würzfrisch. Sardelle und Kaper feiern Hochzeit! Alles klar.

Die bestens gelaunte Fenja Schomborg gießt eine neue Lage Ramazzotti nach und Wirt Vincenzo Sirigu beantwortet geduldig unsere Fragen. Ja, beim Unfall sei er Ohrenzeuge gewesen. Schlimm gerummst habe es. Und nun hoffe er, dass der Vermieter bald die Tür reparieren lässt. Zwei Tage später, so betont er dann, habe es erneut gekracht. Da habe ein Kfz erfolgreich ein Verkehrsschild vor der Pizzeria geschreddert. Wir schütteln verwundert die Köpfe: Was ist los mit den Leuten? Ist LSD im Trinkwasser? Wir wissen es nicht. Vincenzo Sirigu trägt das alles mit Ruhe und Würde. Zu viel schon, so mutmaßen wir, hat der gute Mann erlebt. Am 15. Oktober 1978 - ein Jahr vor seinem Abitur - folgte er dem Ruf seines Onkels und kam von Sardinien nach Bielefeld, um in der Pizzeria mitzuarbeiten. 13 Jahre ist er nun selbst der Wirt und zählt Eingeborene aus Heepen und Schildesche zu seinen treuen Gästen. Und dann schwärmt Fenja Schomborg (mit 19 Jahren ausgebildete Hotelfachfrau!) vom guten Arbeitsklima. Fast ein Familienersatz sei die Pizzeria für sie geworden, lacht sie froh und schwirrt erneut mit juveniler Energie durch den Gastraum.

Als die Uhr langsam beide Zeiger auf die Zwölf schiebt, hat unser gläserschwerer Abendtisch ein Recht auf Feierabend. Wir verabschieden uns herzlich vom Dream Team Fenja Schomborg und Vincenzo Sirigu und hoffen sehr, dass nie wieder Autos in die Pizzeria Sardegna eindringen wollen.

---> Pizzeria Sardegna (ehemals Frehe), Herforder Straße 430, 33609 Bielefeld

Montag, 16. Juni 2008

Glückstag: Nach 111 Jahren endlich Flaneur-geprüft

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Lokale Gastro-Legende in vierter Generation: Die Geschwister Susanne und Thomas Bartsch

Es gibt Leute, die beeindrucken uns schon allein aufgrund ihrer beruflichen Fähigkeiten. Zum Beispiel Lars Jauer. Steinmetzmeister, Steinbildhauermeister, staatlich geprüfter Steintechniker - enorm! Dieser supertop Fachmann hat uns seine unschätzbare Hilfe bei der Beschaffung eines Sandsteinsockels für das Ich-Denkmal angeboten. Da revanchieren wir uns natürlich gern mit einer Einladung zu einem soliden Flaneurgang inklusive Schnitzel, Bier und Kegelbahn. Natürlich haben wir hierzu eine ganz besondere Lokalität ausgewählt. Das Hotel-Restaurant Bartsch ist seit 111 Jahren eine Bielefelder Gastro-Tradition, aber - unglaublich! - bis heute noch nicht Flaneur-geprüft.

Die Traditionsschänke empfängt uns gut besucht. Links kloppt eine Herrenrunde engagiert Skat. Rechts futtert eine Damenrunde große Teller blank. Die Wirtsleute und Geschwister Susanne und Thomas Bartsch haben gut was zu tun. Wir stoßen mit kleinem Abendpils gepflegt an und lassen den Tag hoch leben, dann unterziehen wir die Speisen einer ausgedehnten Prüfung. Jägerschnitzel und Schnitzel französischer Art hat uns der Koch gezaubert, dazu schenkt er uns den notwendigen Klassiker Kleiner Salat und eine feine Terrine Bratkartoffeln. Alles ist in bester Gütestufe zubereitet und tröstet den Magen ebenso effektiv wie die Seele. "Mhmm, das war gut!" brummt der satte Bauch während bärenhafte Wohligkeit unsere Adern durchströmt. Schließlich löschen wir den Fressakt mit einem kleinen Schlussbierchen effektiv ab - und dann geht's auf-auf zum Kegeln!

Kaum haben wir die grundsolide Kegelanlage in Beschlag genommen, lassen wir es krachen. Bei jedem von uns verschmelzen Muskeln, Sehnen und Augen zu einem hocheffektiven Präzisionsorgan, mit dem wir die Kugeln ins Holz hetzen. Spontan kommt es zur Gründung des Kegelvereins "Kyrill ante portas 2008", Ehrenpräsident: unser Lieblingsgast Henner. Selbstverständlich beachten wir die Fachanweisungen, die mahnend von der Wand herabschauen, doch erst die stolzen Wimpel der anderen Vereine wecken unser ganz besonderes Interesse: Sowas wollen wir auch haben! Derweil notieren wir zufrieden, dass Wirt Thomas Bartsch auch in den Kegelkatakomben niemanden dehydrieren lässt. In zuverlässigem Rhythmus serviert er routiniert ein Tablett Frischpils nach dem anderen. Nach einigen Stunden wilden Spiels, also kurz bevor der Arzt kommt, übergeben wir den lieben Wirtsleuten mit gutem Gewissen unser brandneues Prüfsiegel Flaneur-geprüfte Kegelbahn. Dochdoch, diese Bahn können wir getrost weiterempfehlen.

Noch mehr weiterempfehlen können wir ein Gespräch mit den Geschwistern Bartsch. Ihre Wirtstube führen sie nicht nur in vierter Generation, sondern sie ist auch ihre Kinderstube gewesen. Da gibt's also einige Familiengeschichten zu erzählen. Frau Bartsch holt uns sogar eine liebe Portion Familienfotos aus der Wohnstube, und so sehen wir original Blitzlichter aus den 50er Jahren, den 60er Jahren und einen Brauereipferdbesuch aus den 70er Jahren. Ganz zum Schluss bewundern wir das ehrwürdige Kotzbecken im Männerklo. Ein erhabenes Monument traditioneller deutscher Schankstubenkultur. Was es wohl schon alles gesehen und gehört haben mag? Aber: Wollen wir das wirklich wissen? Nein, wir wollen lieber wissen, wie das liebe Hundchen heißt, das als braver Wächter auf dem Weg zur Toilette ruht. Herr Kramer heißt es, erfahren wir, und es gehört natürlich zur Familie.

---> Hotel-Restaurant Bartsch, Viktoriastraße 54, 33602 Bielefeld

Update, 18.06.2008: Flaneure prüfen die Kegelbahn - Live!

Mittwoch, 28. Mai 2008

Entzückende Völlerei auf hohem behaglichen Niveau

Familie-Baatz
Daumen hoch für's Bremer Eck: Dieter und Panagila Paatz im abendlichen Thekengespräch

Wie wir erfahren haben, sollen im Bremer Eck sehr hungrige Menschen verkehren. Sowas lockt uns natürlich an. Eine gepflegte Gaststube empfängt uns, die von vielen aktiven Essern bevölkert wird. Wir beziehen einen hübschen Ecktisch und lassen uns von der hochsympathischen Frau Hongfang Sheng mit stimmungssortierendem Hopfenaperitif beliefern. Beim Blick in die Speisekarte bedauern wir abrupt, nur einen Teil der Speisen testen zu können. Was wir schließlich erhalten, erweitert unsere kulinarischen Erfahrung. Wir verbürgen uns ab jetzt für das traumhafte Schnitzel, die köstlichen Bratkartoffeln, den zauberhaften Spargel und den betörenden Salatteller. Allerdings warnen wir ausdrücklich vor dem Apfelpfannkuchen, er ist ein derart perfekter Nachtisch, dass wir ihm ein herrliches Suchtpotential unterstellen müssen. Liebenswert: Das Bremer Eck führt eine eigene Zigarrenkarte, mit der sich die vollzogene Völlerei vollendet abrunden lässt.

Zu später Stunde nehmen sich die Wirtsleute Zeit zum Gespräch mit uns. Dieter Paatz prostet uns erstmal freundlich zu. Der fleißige Mann hat sich das Spätabendpils redlich verdient. Die anderen Gäste haben sich verabschiedet, nun kann er durchatmen. Als Koch lehnt er Schickimicki ab, verrät er uns, Qualität steht für ihn an erster Stelle. Seine Frau Panagila schenkt uns eine liebe Lage Wacholder ein und berichtet von ihren Eltern, die vor vielen Jahren als Gastarbeiter (auf dieses Wort legt Frau Paatz wert) aus Griechenland gekommen sind. Der Vater hatte Arbeit bei Miele gefunden. Sie selbst lebt nun schon 35 Jahre in Bielefeld, 20 davon im Bremer Eck. Und das jüngste Glück der Eheleute Paatz ist ihre vier Monate alte Enkelin. Am Ende kriegen wir noch raus, dass uns mit Frau Sheng eine examinierte Sinologin die Biere serviert hat. An der Uni Bielefeld fügt sie derzeit noch ein Germanistik-Studium hinzu. Das Bremer Eck ist offensichtlich nicht nur lukullisch für Überraschungen gut.

---> Bremer Eck, Detmolder Straße 123 (Ecke Fröbelstraße), 33604 Bielefeld

Mittwoch, 21. Mai 2008

Herr Firat hat den Ocakbaşı nach Bielefeld gebracht

Firat
So sehen Bielefelder Trendsetter aus: Güner Kizilpınar, Wirt Mehmet Firat, Mustafa Gökçek

Vor ein paar Jahren ging's los. Eine türkische Futterkrippe nach der anderen hängte sich ein Schild mit der Aufschrift "Ocakbaşı" über die Tür. Macht sich hier, grübelten wir, ein Monopolist mit Namen Ocakbaşı breit? Aber nein, ließen wir uns aufklären, Ocakbaşı heißt nix weiter als "Holzkohlegrill", und alle Döner-Stuben rüsteten halt grillmäßig nach. Wer aber war die Nummer eins? Wissen Sie es? Bitte einen Tusch für Mehmet Firat, den Bielefelder Trendsetter! Vor sechs Jahren ließ er sich mit seinem Firat-Grill am Kesselbrink nieder und setzte dort den ersten Bielefelder Ocakbaşı unter einer schmucken Messingglocke in Gang. Höchte Zeit, dass wir dem Trendsetter einen Besuch abstatten.

Der Kesselbrink empfängt uns mit schönster Abendsonne, und vor dem Firat locken Tisch & Stühle. Wir lassen uns nieder, bestellen möglichst viel Efes-Bier und die bunte Speisekarte einmal quer. Ja, Bielefeld kann manchmal richtig romantisch sein. Schon bald biegt sich unser Tisch unter der Last der Speisen und Getränke. Serviermeister Mustafa Gökçek hat gut was zu laufen mit unseren Wünschen. Ob Tagesteller (hübsch würzig), Dönerteller (hübsch saftig) oder Spießgegrilltes (hübsch fleischig) - alles mundet vorzüglich. Und für Unterhaltung sorgt unser Kesselbrink auch. Mal quietschen wilde Autos aufgeregt um uns herum, mal richten Megaphon-Besitzer ebenso launige wie sinnlose Durchsagen an Passanten - immer was los hier.

Und dann bitten wir den Wirt an unseren Tisch. Mehmet Firat ist gastfreundlich, nimmt sich Zeit für uns und beantwortet geduldig all unsere Fragen ("Unseren Döner machen wir selbst."). Am Ende erhalten wir Aufklärung über die Herkunft des Kebab ("Kebab stammt original aus der Osttürkei."), eine Einladung ins Firat-Kühlhaus ("Hier ist alles sauber und frisch. Möchten Sie mal unser Kühlhaus sehen?") sowie eine sehr interessante Einführung in die Philosophie der Aleviten ("Als erstes kommt der Mensch. Dann erst Politik oder Religion."). Just als wir Mehmet Firat unser Flaneur-Siegel überreichen, treffen Frau Gabika und Herr Oscar ein, die uns als bekennende Firat-Stammgäste sofort bestätigen, dass man hier bestens speisen kann. Dabei zählt Oscars Lob sogar doppelt, denn als erfahrener Küchenmeister der beliebten Kantine des IBZ ist er schließlich vom Fach. Somit rufen wir zum Abschied gern: Vivat Firat!

Firat Ocakbaşı, Friedrich-Verleger-Straße 9, 33602 Bielefeld

Freitag, 9. Mai 2008

Zu Gast bei Dionysos im Schatten des Amerikahauses

Dionysos-Grill
Sieben Tage pro Woche alerte Grillproduktion: Anna Pagani zwischen Salatbar & Gyrosklotz

Hell und golden beleuchtet die Bielefelder Abendsonne das wohl urbanste Segment unserer großen Stadt – den Asphalt zwischen Berliner Platz und Amerikahaus. Genau zwischen diesen beiden Punkten siedelt rechterhand der Dionysos-Grill mit seiner Fensterfront für den Straßenverkauf. Rechts davon lockt die Tür zur Gaststube. Wir belegen einen der beiden Tischchen, die verloren vor dem erhabenen Haus stehen. Aaah, lange Beine machen, die Abendsonne genießen und dazu Hohenfelder Pilsener schmecken. Das ist gut. Auf diese liebe Weise kriecht der schöne Zeitpunkt, da man zu Abend speisen möchte, besonders freundlich heran. Also ordern wir nun Souflaki-Teller für alle. Wir haben es gut getroffen, denn Anna Pagani kann zaubern: Ein Teller sieht verlockender aus als der nächste. Und schmecken tut’s ebenso. Gut abgewürztes Fleisch am Zwillingsspieß, dazu reichlich Pommes, knackiger Krautsalat und – Ehrensache, denn wir sind bei einer Griechin zu Gast – frisches Tsaziki. Wir schmatzen und sabbern, was das Zeug hält - - - Und dann passiert es!

Zuckte ein Nanoerdbeben durch die Stadt? War es überschüssige Körperkraft? Gibt es hier aggressive Erdstrahlen? Wir wissen es nicht, aber wir werden Zeugen eines schrillen Schreis, und dann liegt der Teller von Lieblingsgast Henner zerschellt auf dem Boden. Der gute Mann steht unter Schock! Gottlob hatte er schon das meiste Fleisch verputzt, aber auch um die Pommes und den Krautsalatrest ist es ihm sehr schade. Spontan spenden wir ihm von unseren Abendmahltellern und reichen dann Wirtin Anna Pagani den traurigen Scherbenrest. Die nette Frau hat ein Nachsehen mit dem Missgeschick und will nichts hören von Teller ersetzen oder sowas. Tja, in Krisenmomenten zeigt sich die wahre Größe des Gastronomen. Anna Pagani hat nach fast 30 Jahren Dionysos-Grill einen reichen Erfahrungsschatz, da kann ihr selbst ein Besuch der Flaneure nix mehr anhaben.

Dionysos-Grill, Paulusstraße 2, 33602 Bielefeld

Donnerstag, 1. Mai 2008

Eine Stadtteilkneipe der Sorte Bielefelder Goldstück

Wilbrandskrug
Manda und Stjepan Jularić mit zufriedenen Gästen: Wilbrand's Krug im 1a Normalzustand

Den heutigen Tipp verdanken wir Thomas Niekamp. Der begnadete Hobby-Koch ("Für das Heilbutteis kocht man Sahne und Milch kurz auf ...") ist nebenher Generalstabschef des Sozial- und Kriminalpräventiven Rates der Stadt Bielefeld. Dieser glücklichen Doppelfunktion ist es zu verdanken, dass er die präventive Kraft guter Speisen erkannt hat: "Wer satt ist, sündigt nicht!" lautet seine wegweisende These. Außerdem lobt er mit überzeugender Mimik den Räuberspieß (sic!) im Wilbrand's Krug. Auch die Bratkartoffeln sollen wir bloß nicht verpassen, trägt uns der stattliche Mann eindringlich auf. Machen wir doch glatt, und zwar heute.

Mit freundlich geöffneter Tür empfängt uns das Gasthaus. Kaum haben wir Platz genommen, trifft Ingo Wittenborn ein. Der sympathische Radsportfreund (Deutscher Meister & Olympia-Mann!) hat ein neues Fahrrad - und wie weiht er das ein? Natürlich mit einer Fahrt zum Wilbrand's Krug‎. "Das ist die beste Kneipe Bielefelds" klärt uns der schnelle Mann auf und liebkost dann engagiert sein Hefeweizen. Und schon sind auch wir an der Reihe, Stjepan Jularić bringt unsere erste Lage Abendpils. Zufrieden notieren wir, dass der Wirt ein Handwerksmeister ist. Der Pilstulpenschaum ist bildhübsch und zeigt deutlich seine Minutenringe.

Und nun zum Essen. Als Starter gibt's den kleinen gemischten Salat der Sorte "War früher gut - ist auch heute gut". Modischer Firlefanz fällt also aus. Sodann bestaunen wir unsere Räuberspieße mit Bratkartoffeln und einem alarmroten Klecks Paste. Meingott, sieht das schrecklich super aus! Unser Lieblingsgast Henner hat sich für drei kesse Schnitzelchen entschieden, natürlich mit Bratkartoffeln. Auch sein Teller betört durch seidigen Anblick. Und nun: Anbiss frei! Aaah, sanft drücken wir die Zähne ins Qualitätsfleisch. Konzentriert mümmeln wir Bratkartoffeln. Verzückt lutschen wir Saftzwiebeln. Und in arhythmischen Intervallen fügen wir den Gabelportiönchen dezent die alarmrote Paste hinzu. Eine akustische Glocke aus Schnurren und Schmatzen ruht über unserem Tisch der wahren Glückseligkeit. Wir haben einen Leistungsstützpunkt der Bielefelder Kulinaristik ausfindig gemacht, das ist klar.

Manda und Stjepan Jularić lenken den Wilbrand's Krug‎ schon seit 16 Jahren. Morgens um 10:00 Uhr wird für die ersten Rentner geöffnet, die manchmal 12 Stunden am Tag hier in ihrem Wohnzimmer verweilen. Ja, zufriedene Stammgäste wo man hinhört. Einer ist seit einem Jahr Rentner und hat sogleich seinen Wohnsitz nach Moskau verlegt. Aber alle paar Monate ist er wieder in Bielefeld - und wo kehrt er dann sofort ein? Dreimal dürfen wir raten. Und Stammgast Hans-Jürgen fällt uns positiv auf, weil er die richtigen Radiosendungen hört: "Die Flaneure", ruft er, "die kenn' ich aus dem Radio!" Doch, gute Leute verkehren hier. Neben Essen & Trinken gibt's regelmäßig, so wird uns berichtet, kollektive Sportwetten, die stets in ein großes Sommerfest münden. Und wenn Arminia spielt, dann funkelt das Sport-TV so groß über die Mega-Leinwand, als sei man live dabei. Ach, wir könnten noch stundenlang erzählen, was wir hier alles erfahren durften. Aber soviel Zeit haben Sie ja nicht mehr, denn Sie wollen doch jetzt los, zum Wilbrand's Krug‎, oder? Kann gut sein, dass Sie uns dann dort treffen.

---> Wilbrand's Krug‎, Wilbrandstraße 97, 33604 Bielefeld

Samstag, 19. April 2008

Kein Ich-Denkmal für Wir sind Helden? Die Wahrheit.

Altstadt
Sind unschuldig, dass Wir sind Helden nicht auf's Ich-Denkmal kamen: Mehmet & Mahmut

Okay, jetzt packen wir aus. Denn offenbar bedarf es einer Erklärung, warum Wir sind Helden nicht in der Ich-Denkmal-Foto-Galerie zu sehen sind. Inzwischen rollen ja schon Gerüchte durch Bielefeld, z.B. von jenem halbseidenen Kaliber, Judith Holofernes leide unter Höhenangst oder so ähnlich. Ist natürlich Quatsch. Die Wahrheit ist: Wir saßen im Lutter-Grill und haben einen Zentner Pommes gefuttert.

Stunde um Stunde lief unsere hochfröhliche Ich-Denkmal-Aktion vor dem Miner's Coffee. So viel gab's zu reden, zu lachen und zu fotografieren, dass die Zeit nur so rannte. Ständig drückten uns fürsorgliche Menschen neues Bier in die Hände. Unter Durst mussten wir wirklich nicht leiden, aber der Hunger keimte langsam in unseren Seelen auf. Er wuchs zu einem stattlichen Problem heran und nahm uns schließlich ganz gefangen. "Pommes her!" riefen wir plötzlich im Chor und liefen behende zum Luther-Grill um die Ecke, wo uns die beiden Herren Mehmet & Mahmut freundlich begrüßten. Es war etwa zwei Uhr nachts, und die beiden Grillmeister langweilten sich, denn bis die Hungermeute aus dem Stadtpalais hier einfallen würde, das sollte noch etwas daueren. Wir belegten einen Tisch, orderten einmal Pommes mit Salbe für alle und futterten dann begeistert, was Herr Mahmut uns freundlich serviert hatte. Kaum war die erste Lage weggegabelt, da tauchte unser Lieblingsgast Henner mit kleiner Verspätung & großem Hunger auf und spendierte eine neue Lage Pommes mit Salbe für alle. Wer die nächste Lage bestellt hat, ist heute nicht mehr zu ermitteln, aber mitten in diese menschenfreundliche Bestellorgie hinein kam dieser Anruf: "Wir sind Helden sind jetzt im Miner's und wollen sich auch auf dem Dummy fotografieren lassen. Wo seid ihr? Wo ist die Kamera?" Tja, da hatten wir jetzt ein Problem. Eine neue Portion Pommes brutzelte in der Lutter-Grill-Friteuse. Wir hatten uns gerade mit zwei Portionen pro Mann warm gegessen - jetzt alles aufgeben und zurück zur Party, um Judith Holofernes fotografisch auf dem Ich-Denkmal zu dokumentieren??

Verehrte Frau Holofernes, bitte vergeben Sie uns, aber wir haben uns tatsächlich für ein, zwei weitere Portionen Pommes mit Salbe entschieden. Die Pommes im Lutter-Grill sind aber auch sowas von lecker! Außerdem war das Pils dazu gerade erst angenuckelt. Und dann erschienen auch noch vier vergnügungswillige Damen, die zielstrebig nach Tequila verlangten und sich dann von unserem Lieblingsgast Henner charmant mit Pommes beschenken ließen. Da konnten wir doch nicht einfach abhauen. Oder? Aber jetzt kommt's: Wenn Sie und Ihre Helden-Band wieder in Bielefeld sind, dann laden wir Sie ganz herzlich zu Pommes mit Salbe in den Lutter-Grill ein, und zwar so viel wie sie essen können. Ehrlich. - - - Haben wir jetzt eine Verabredung?

---> Lutter-Grill, Waldhof 15, 33602 Bielefeld

Dienstag, 15. April 2008

Und über allem schwebt Warsteiner: Der Römer-Grill

Roemer-Grill
Die fleißigen Frauen von Babenhausen-Süd: Kornelia Kosionovski und Evangelia Koukotsika

Sie erinnern sich: Die Frau mit dem längsten Nachnamen der Welt hatte uns beim Besuch am Set von My Big Fat Greek Wedding aufgetragen, unbedingt der Imbiss-Stube ihres Bruders einen Prüfbesuch abzustatten. Heute ist es endlich soweit. Der griechische Grill liegt unweit der Stadtbahn-Endstation Babenhausen Süd, also reisen wir elegant mit der Straßenbahn an. Dabei erklären wir unserem Lieblingsgast Henner, der als passionierter Motorist Weltruhm erlangt hat, die Funktionsweise dieses großartigen Verkehrsmittels. Mit großen Kinderaugen stellt er begeistert fest, dass sich das Fahrzeug vorwärts bewegt, ohne dass man den Bleifuß einsetzen muss. Auch dass sich die Türen auf Knopfdruck öffnen, erstaunt ihn sehr. Am Ende der Fahrt beschließt er, sich eine Monatskarte zuzulegen.

Und nun sind wir auch schon angekommen. Der Gastraum bietet viel Platz und wir lassen uns rechts und links von einem antiken Helden nieder, der uns sogleich in eine griechisch-römische Hunger-Stimmung versetzt. Heute machen wir es uns einfach: Wir bestellen die Fleischportion, die am teuersten ist - also Athenteller für alle. Und wir müssen sagen: Ja, der kann sich sehen lassen. Natürlich ordern wir auch Salatteller und zu den Pommes eine schöne Portion Salbe extra. Lieb ist zweifellos, dass hier kein Flaschenbier ausgeteilt wird (sowas kann man auch daheim nuckeln), sondern eine intakte Zapfanlage zum Einsatz kommt. Zahlreiche Arbeitsmänner treffen hier ein, die sich mit einem Gläschen Zapfbier die Zeit vertreiben, bis der XXL-Grillteller zubereitet und für die Heimfahrt verpackt ist. Motto: Das Angenehme mit dem Guten verbinden. Wirtin Evangelia Koukotsika und ihre hyperflotte Mitarbeiterin Kornelia Kosionovski servieren gekonnt und zielsicher, stellen wir mit fachmännischem Blick fest.

Nach dem schmackhaften Mahl lassen wir uns Abschluss-Ouzo servieren. Evangelia Koukotsika serviert derart elegant, dass wir sie spontan fotografieren müssen. Und was macht sie? Sie fragt uns, ob wir "auf Empfehlung der Frau mit dem längsten Nachnamen der Welt" gekommen seien? Hallo! Das ist doch ein Zitat aus unserem Bericht vom Besuch am Set von My Big Fat Greek Wedding. Oho, wir sind also erkannt! Ja, der Fotoapparat, schmunzelt die nette Wirtin, der habe uns verraten. Komisch, fotografieren denn die anderen Gäste gar nicht? Und wo ist überhaupt der Bruder der Frau mit dem längsten Nachnamen der Welt? Der Wirt sei heute zu Hause, erfahren wir, er müsse die Kinderchen ins Bettchen bringen. Aber seine Frau führt den Laden auch ohne ihn top. Können wir bestätigen. Als wir am Ende Bedarf auf Nachtisch ("Irgendwas Süßes!") anmelden, greift die Wirtin sogar in ihre privaten Bestände und schenkt uns voller Mitleid eine feine Tafel Diätschokolade. Wenn das kein Service ist!

---> Römer-Grill bei Corfu, Babenhauser Straße 16, 33613 Bielefeld

Freitag, 11. April 2008

Motto: "Hast Du Hunger oder Durst, geht zu Baki ..."

Baki
Vater & Sohn Hand in Hand: Baki und Alper Göçer befüttern den Parkplatz am real-Markt

Wir schlendern über den gigantisch großen Parkplatz am real-Markt. In den Bäumen zur Teutoburger Straße bauen Elstern ein Nest. Der Frühling wird also auch hier erwartet, sicher drücken die Eier schon ordentlich. Uns drückt was anderes. Wir haben einen Mordshunger, da trifft es sich gut, dass wir eine schmucke, kleinen Imbissbude entdecken. An der Eingangstür empfängt uns ein Schild mit interessantem Motto: "Hast Du Hunger oder Durst, geh zu Baki, trink ne Cola und ess ne Wurst." Im Innern des lichtdurchfluteten Futterkastens sehen wir zwei sehr beschäftigte Männer, denn es ist Abendbrotzeit. Viele Parkplatzkunden fallen jetzt hier ein, aber nicht alle wollen essen: "Drei Kaffee und einen großen Aschenbecher!" bestellen drei handfeste Handwerker und lassen sich an einen der Rundtischchen nieder. Ihr Feierabend soll also mit einer Entspannungszigarette begrüßt werden. Wir hingegen bestellen beißfeste Hausmannskost. Einmal Gyros mit alles, aber auch die Currywurst mit wohlig gesalzenen Pommes und nicht zu letzt den feinen Klassiker Zigeunerschnitzel ohne Beilagen. Schnelle Zubereitung, solide Ware, gute Preise, lautet unser Beschluss, als wir nach vollzogener Nahrungsaufnahme kolletiv und zärtlich aufstoßen.

Auf Qualität legt Baki Göçer wert. Der Hähnchenbratwagen gleich nebenan (darüber hatten wir früher schon kurz berichtet) gehört ihm auch. Hier dürfen nur die Wiesenhof-Qualitäts-Tiere zu 900 Gramm auf den Spieß. Dubiose Billigware hat Hausverbot, betont Herr Göçer ernst. Seit fünf Jahren führt er sein Imbisshaus, Sohn Alper ist fleißig mit von der Partie. Mit Interesse stellen wir fest, dass der Apotheker von nebenan und ein Krankenwagenfahrer hier als Stammgäste begrüßt werden. "Man Zahnarzt", lacht Herr Göçer, "kommt auch regelmäßig hier essen." Ein Imbissbetrieb mit so guter medizinischer Infrastruktur - das ist zweifellos vorbildlich! Als wir die gastliche Stube verlassen, ist das kluge Motto an der Eingangstür mit unserem Flaneur-Siegel veredelt worden. Macht sich gut hier.

---> Imbiss bei Baki, Teutoburger Straße 98, 33607 Bielefeld

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