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Endlich auch in Bielefeld: XXL-Futter für XXL-Hunger († = inzwischen geschlossen)

grenzenlos
Grenzenlos optimistisch: Petra Link und Guido Michels teilen am liebsten XXL-Speisen aus

Heute gibt es Schnitzel und Bratkartoffeln in der abbiegenden Vorfahrt, nämlich just dort, wo die August-Bebel- zur Oelmühlenstraße wird. Im Test befinet sich die Neukneipe "grenzenlos", mit der Petra Link und Guido Michels eine lang klaffende Lücke in der Bielefelder Gastro-Szene geschlossen haben: Endlich hat auch Bielefeld seine echte XXL-Futterkrippe! Ja, hier gibt's tatsächlich die Bratwurst und das Schnitzel im 200 oder 400 oder 600 Gramm-Format. Gut zu wissen, dass nun auch in Bielefeld kein Gast mehr hungrig heimgehen muss.

Bevor die Maxi-Fleischportionen aufgetischt werden, gibt's erst einmal einen denkbar hübschen Chickoreesalat. Und bevor wir Ihnen Fotos von den 400 oder 600 Gramm-Portionen zeigen, von denen Sie dann eh nöhlend behaupten: "Sieht ja gar nicht wie eine 400 oder eine 600-Gramm Portion aus!", legen wir nur sanfte Beweisfotos aus der 200 Gramm-Abteilung vor: So sieht das Rahmschnitzel mit Pommes aus, und so das Rahmschnitzel mit Bratkartoffeln. Kann sich sehen lassen, was! Und die Wirtsleute betonen glaubwürdig: Alles frisch! Vom Salatblatt bis zur Soße: Alles frisch! Uns mundet es jedenfalls prima.

Aber nicht nur brave Mahlzeiten stellt das Wirtepärchen gekonnt auf die Tische, Guido Michels beweist wiederholt seine besonderen Fähigkeiten als vortrefflicher Ramazzotti-Beibringer. Lobenswert. Außerdem verfügt die Kneipe über eine innovative Kombination: Der Sportraum ist gleichzeitig Raucherraum. Allerdings wird nach 22 Uhr, wenn die Küche geschlossen hat, auch in der Gaststube Feuer frei gegeben. Dann müssen die Sportler nicht mehr so oft in den Raucherraum - oder so ähnlich.

Petra Link und Guido Michels wollen übrigens bald heiraten. Wir haben uns natürlich als Trauzeugen angeboten. Versteht sich von selbst. Allein schon wegen des zu erwartenden XXL-Hochzeitschmauses.

---> Grenzenlos, August-Bebel-Straße 167 (Ecke Oelmühlenstraße), 33602 Bielefeld

Unser Flaneur-Blick hinter die Kulissen der Culisse († = inzwischen geschlossen)

Mario_Amato_und_Angelo_Vincenti
Zwei Männer mit Gastro-Herzblut: Freund und Berater Mario Amato & Wirt Angelo Vincenti

Bielefeld-Kernstadt ist bekanntlich reich an gastronomischen Perlen. Ein Kleinod des Verweilens und des schmackhaften Bauchvollschlagens, das eindeutig mehr Beachtung verdient, haben wir heute entdeckt: Die Culisse. Eine großzügige Fensterfront gibt den Blick frei auf die beliebten Parkanlagen rund um den Leineweberbrunnen, so sitzen wir in üppiger Runde beim abendlichen Startpils und lassen uns von Wirt Angelo Vincenti ein gelungenes Pizza-Sortiment auftischen. Mit lauten Ooh!-Rufen begrüßen wir die Pizza mit Garnelen, mit verzückten Aah!-Rufen die Pizza mit Laub und Käse und mit lüsternen Olala!-Lauten nehmen wir die Pizza mit Sardellen in Empfang. Aber den Vogel schießt wie so oft unser Lieblingsgast Henner ab. Er präsentiert uns sein neues akkurat beschriftetes Optimismus-Hemd passend zur Pizza Hawai. Dementsprechend gut gelaunt unterziehen wir der versammelten Pizza-Ware nach dem optischen natürlich auch den bissigen Test. Einhelliges Urteil: superlecker. Ja, so muss Pizza schmecken.

Wirt Angelo Vincenti ist nicht nur ein begnadeter Grappa- und Ramazzotti-Servierer, sondern auch stolz auf seine Weine. Die haben wir an diesem prima Abend leider nicht mehr durchdeklinieren können, aber Angelo Vincentis Culisse feiert im April ihren ersten Geburtstag, spätestens dann kommen wir garantiert wieder und lassen uns die roten und die weißen Tropfen durch die Gaumen rinnen.

---> Culisse, Niederwall 12, 33602 Bielefeld

Mit dem Stahlbaron im 1a Bielefelder Tapas-Himmel († = inzwischen geschlossen)

Rincon_Latino
Zaubern auch nach Mitternacht Leckereien auf die Teller: Flora Rodriguez & Orestes Gomez

Unser Lieblingsgast Henner meldet einen Gelegenheitsgast an. Volker, der bekannte Stahlbaron, benötige einen erfrischenden Abend in der Bielefelder Gastronomie. Unsere fragenden Blicke (Wer, um alles in der Welt, ist Volker, der bekannte Stahlbaron???) pariert Herr Henner mit nur einem einzigen Satz: "Der Mann stammt aus Sennestadt." Das ist freilich Einladungskarte genug, schulterklopfend nehmen wir den Industriekapitän in unserer hungrigen Runde auf - und schon nach Millisekunden entpuppt sich der Metall-Magnat als Volltreffer des Abends: "Geld spielt keine Rolle!" lacht er uns vielversprechend an. Na, dann wollen wir der netten Bedienung mal ein kleines Handzeichen geben: Bitte servieren!

Hurtig bringt uns Orestes Gomez Bier, natürlich spanisches Bier. Deutsche Brauereiprodukte kann man woanders trinken. Fast zeitgleich reicht er uns als kesses Vorspiel Brot mit einer Aioli-Salbe, die nicht nur göttlich schmeckt, sondern uns außerdem einen Atem schenkt, mit dem man problemlos Havanna-Zigarren entzünden kann. Und dann das Fleisch. Zuerst erreicht uns das Kotelett und dann das 600-Gramm-Rumpsteak. Beides ist erstaunlich zart und würzig. Am Nebentisch gibt's wohl die gleiche Fleischportion, jedenfalls schwillt dort immer wieder enthemmtes Schmatzen an. Unser Fleisch ist gerade angeschnitten, da landen auch schon ganze Schwärme von Boquerones auf unserem Großtisch. Gefolgt von prallen Empanadas mit unterschiedlichen Füllungen und einer frischen Trotilla sowie der Kartoffelteller extra mit neckisch grinsender Aioli-Salbe. Diese wunderbare Tapas-Kaskade wird schließlich mit Gambas gekrönt, die kochend serviert werden. Wer's nicht glaubt, kann's hier deutlich sehen.

Nach diesem grandisosen Mahl, beim dem unser lieber Stahlbaron übrigens souverän mitgehalten hat, greifen wir entspannt zum weichen Gelegenheits-Brandy und bitten die Wirtin und Köchin Flora Rodriguez sowie den Fuhrmann Orestes Gomez an unseren Tisch. Denn sie sollen uns verraten, wieso die Küche im Rincon Latino plötzlich so viel besser geworden ist. Und was Flora davon aus Peru mitgebracht hat. Und welche Geheimtipps Oretes Mutter aus Spanien verraten hat. Und was Orestes seinerzeit in Mexiko erlebt hat. Tja, und bei solchen Fragen und ihren ausführlichen Antworten kann der Abend derart lang und gemütlich werden, dass man kollektiv eine kleine Nachtspeise benötigt. Und selbst die ist hier super lecker. Was aber auch am roten Wein liegen kann. Oder aber an Flora und Orestes, weil bei denen halt alles prima ist.

---> Rincon Latino, August-Bebel-Straße 112, 33602 Bielefeld
---> Obacht: Große Fiesta Cubana mit Live-Musik im Rincon Latino am Samstag, 8. November, 21:00 Uhr

Flaneure jubeln: Lukulls Tempel ist am Bültmannshof († = inzwischen geschlossen)

Tenne-Team
Haben uns sensationell verwöhnt: Ivka Berglez & Franc Berglez mit Wirtin Ivka Tscheppick

Das winzige Einkaufsparadies Bültmannshof empfängt uns mit dem konsequent durchbetonierten Charme einer 70er-Jahre-Gesamtschule. Anerkennend notieren wir, dass es hier alles gibt, was man zum sorglosen Leben braucht, also den Lebensmittelladen mit Kassierzone ohne lästiges Schlangestehen oder das Schuhgeschäft mit grundsolidem Sortiment und orthopädischer Werkstatt. Eingebettet in diese kleine Welt schaut uns verträumt die Gaststätte "Tenne" an. Was wohl hinter ihren getönten Fenstern vor sich geht? Ob sich der Wirt mit zwei humanoiden Trinkautomaten am Tresen langweilt? Wir wollen es erkunden und passieren auf dem Weg zur Eingangstür eine tischdeckenfeine Sitzgelegenheit, die dem Raucher einen aktiven Gruppenascher bietet, und zwar wetterfest überdacht.

Wir betreten den Gastraum - und sind baff! Eine grunzgemütlich kleine Stube, randvoll mit fröhlich schnatternden Gästen, breitet sich vor uns aus. Aber auweia, alles voll. Dann müssen wir wohl wieder gehen. Aber nein. Hinter der Theke winkt uns Franc Berglez freundlich zu sich und erklärt beruhigend, dass er uns auf jeden Fall unterbringen werde. Gesagt, getan, und schon hat er ein paar seiner Gäste umsortiert, und wir sitzen am Tresen längs, mit einem super Blick auf das Gesamtgeschehen – und das heißt hier: Viel Fleisch mit bestens gewürzten Sättigungsbeilagen!

In der winzigen Küche - es ist nicht zu überhören - werkeln, flitzen und schuften zwei Damen, die eine Mega-Mahlzeit nach der anderen hinausreichen. Eine derart gut besuchte Futterkrippe wünscht sich so mancher Wirt. Und Franc Berglez zapft wacker, was das Fass hergibt. Nun wird auch schon unser Fleischsortiment aufgefahren. Als Start ein ganz, ganz lieber Grillteller der Premiumklasse, dann folgt ein hochanständiger Fleischkäs' mit Spiegelei plus grandiosen Bratkartoffeln. Als erschütternd lecker entpuppt sich außerdem das bunte Fleisch- und Wurstsortiment mit dem Nome de guerre Schmankerl. Und als Abschluss eine saftige Knusperhaxe incl. Goldsauerkraut. Dazu wird ein außerirdisch guter Kartoffelbrei gereicht. Nur mit Mühe können wir unseren Lieblingsgast Henner daran hindern, eine ganze Wanne Kartoffelbrei zu ordern. Der durchtrainierte Gourmet plant allen Ernstes, ein Vollbad in dieser Köstlichkeit zu nehmen. Wir ringen ihm einen Kompromiss ab: Er lässt sich ein Portiönchen einpacken und streicht sich ab jetzt mehrmals täglich einen feinen Film unter die Nase. So hat er stets den großartigen Kartoffelbrei-Duft präsent. Als der kreative Mann überlegt, den Brei außerdem als Mundwasserersatz zu nutzen, bestellen wir schnell eine neue Runde Frischpils.

Glückselig sitzen wir schließlich vor blank geleckten Haxenknochen mit anständiger Tenne-Rechnung, und Franc Berglez prostet uns freundlich zu. Ja, der Bültmannshof kann wahrhaftig stolz auf die kostbare Tenne sein. Dem heute aus gesundheitlichen Gründen leider nicht anwesenden Wirt Thomas Tscheppick wünschen wir eine rasche Genesung. Die Tenne wartet auf ihn.

---> Tenne, Carl-von-Ossietzky-Straße 3, 33615 Bielefeld
---> Tischvorbestellung: 0521 - 102917

Hilfe für Baustellenopfer, heute: La Piccola Napoli († = inzwischen geschlossen)

Simone_Santoro
Freundlich trotz Sorgen: Simone Santoro an einer Straßensperre, die seine Gäste vertreibt

Gestern appellierten wir an die Bielefelder Weltöffentlichkeit, einmal pro Woche die Gastronomie rund um die Baustelle an der Detmolder Straße aufzusuchen. Grund: Die Baustellensperrung sorgt für starken Gästeschwund. Und natürlich gehen wir sogleich mit gutem Beispiel voran: Unterhalb der Detmolder lebt eine kleine Pizzeria, die uns im letzten Jahr begeistert hatte - das La Piccola Napoli. Also auf zum Update!

Die Eingangstür präsentiert stolz unser Prüfsiegel, und Wirt Simone Santoro freut sich, uns wiederzusehen. Natürlich leidet auch er unter herbem Gästeschwund, denn die Baustelle lässt ihn in einer Sackgasse leben. Zufallskunden bleiben zwangsläufig aus. Daher nehmen wir uns vor, heute so viel wie möglich auszugleichen. Erst einmal bestellt jeder von uns viermal Pizza Siciliana. "Köstlich!" rufen wir aus, denn wir freuen uns, dass sich hier weiterhin die Sardelle wohlig im würzigen Sud räkelt. Als Nachtisch serviert uns Simone Santoro unaufgefordert einige schmackhafte Tintenfischringe mit feiner Würzsalbe. Danach sind selbst wir satt. Nun konzentrieren wir uns auf das Ziel, den Getränkekühlschrank leer zu trinken. Doch das gelingt uns nicht ganz, denn plötzlich serviert Simone Santoro von seiner köstlichen Grappa. So weich ist sie, da muss man einfach nachschenken - beschließt jedenfalls unser Lieblingsgast Henner, und wir stimmen ihm fröhlich zu.

Als wir den gastlichen Ort zu später Stunde verlassen, machen wir ein Foto von Simone Santoro und der Straßensperre. Wir hoffen, dass es ein Erinnerungsfoto wird, denn wenn die Bauleitung unseren gestrigen Vorschlag verwirklicht, dann ist die Sperre endlich verschwunden.

---> La Piccola Napoli, Teutoburger Straße 32, 33604 Bielefeld

Entzückende Völlerei auf hohem behaglichen Niveau († = inzwischen geschlossen)

Familie-Baatz
Daumen hoch für's Bremer Eck: Dieter und Panagila Paatz im abendlichen Thekengespräch

Wie wir erfahren haben, sollen im Bremer Eck sehr hungrige Menschen verkehren. Sowas lockt uns natürlich an. Eine gepflegte Gaststube empfängt uns, die von vielen aktiven Essern bevölkert wird. Wir beziehen einen hübschen Ecktisch und lassen uns von der hochsympathischen Frau Hongfang Sheng mit stimmungssortierendem Hopfenaperitif beliefern. Beim Blick in die Speisekarte bedauern wir abrupt, nur einen Teil der Speisen testen zu können. Was wir schließlich erhalten, erweitert unsere kulinarischen Erfahrung. Wir verbürgen uns ab jetzt für das traumhafte Schnitzel, die köstlichen Bratkartoffeln, den zauberhaften Spargel und den betörenden Salatteller. Allerdings warnen wir ausdrücklich vor dem Apfelpfannkuchen, er ist ein derart perfekter Nachtisch, dass wir ihm ein herrliches Suchtpotential unterstellen müssen. Liebenswert: Das Bremer Eck führt eine eigene Zigarrenkarte, mit der sich die vollzogene Völlerei vollendet abrunden lässt.

Zu später Stunde nehmen sich die Wirtsleute Zeit zum Gespräch mit uns. Dieter Paatz prostet uns erstmal freundlich zu. Der fleißige Mann hat sich das Spätabendpils redlich verdient. Die anderen Gäste haben sich verabschiedet, nun kann er durchatmen. Als Koch lehnt er Schickimicki ab, verrät er uns, Qualität steht für ihn an erster Stelle. Seine Frau Panagila schenkt uns eine liebe Lage Wacholder ein und berichtet von ihren Eltern, die vor vielen Jahren als Gastarbeiter (auf dieses Wort legt Frau Paatz wert) aus Griechenland gekommen sind. Der Vater hatte Arbeit bei Miele gefunden. Sie selbst lebt nun schon 35 Jahre in Bielefeld, 20 davon im Bremer Eck. Und das jüngste Glück der Eheleute Paatz ist ihre vier Monate alte Enkelin. Am Ende kriegen wir noch raus, dass uns mit Frau Sheng eine examinierte Sinologin die Biere serviert hat. An der Uni Bielefeld fügt sie derzeit noch ein Germanistik-Studium hinzu. Das Bremer Eck ist offensichtlich nicht nur lukullisch für Überraschungen gut.

---> Bremer Eck, Detmolder Straße 123 (Ecke Fröbelstraße), 33604 Bielefeld

Zur Sonne: Gemütliches Pils statt Griff in den Schritt († = inzwischen geschlossen)

Zur-Sonne
Fast 30 Jahre am Tresen ihrer Sonne: Unsere lieben Wirtsleute Christos und Frideriki Tseka

Wer sich am Tischchen vorm Dionysos-Grill satt geschmatzt hat, kehrt nach Sonnenuntergang selbstverständlich in der Gaststätte Zur Sonne ein. Seit ewigen Zeiten wohnt sie Wand an Wand mit dem unsterblichen Dionysos (früher "Mykonos") und präsentiert sich in sympathisch zeitlosem Ambiente. Schon seit 1979 schenkt hier das Ehepaar Frideriki und Christos Tseka Zapfpils aus und zählt Gäste zu seinen Stammkunden, deren Erstbesuch wir locker auf die Anfangsjahre der Schenke datieren. Viele gemütliche Kartenspieler belegen die Tische und pflegen einen freundschaftlichen Umgangston mit den Wirtsleuten. Auch an der Theke geht's ruhig und gemütlich zu, eine Atmosphäre, die durch das offenbar seit Jahrzehnten unveränderte Interieur sanft akzentuiert wird. Freundlich und zuverlässig serviert uns HerrTseka eine schöne Portion Hohenfelder Pilsener nach der anderen, so dass wir die Tageshitze süffig ablöschen können. Der arme Mann leidet schon seit einem halben Jahr unter erbeblichen Schmerzen im Fuß, kein Arzt und kein Krankenhaus konnten ihn bisher davon befreien. Anfang Juni wartet ein erneuter Krankenausaufenthalt auf ihn. Wir wünschen ihm alles, alles Gute, damit der Fuß endlich wieder ins Reine kommt.

Für die sympathischste Tanja, die uns je bekannt geworden ist, hat unser Lieblingsgast Henner heute eine Sondererlaubnis zur Teilnahme am Flaneur-Gang erwirkt. Schon nach wenigen Minuten spüren wir: Diese Frau hat uns verdient! Und dann bereichert sie uns auch noch mit Berichten von ihren unvergleichlichen Exkursionen in die St. Pauli-Gastronomie. Unser großes Hallo erntet zum Beispiel ihr Vortrag über die bezaubernde Reeperbahn-Schenke Zum Silbersack, wo der Griff hochbetagter weiblicher Stammgäste in den Schritt noch fast juveniler männlicher Gelegenheitsgäste zum Service gehören soll. Eine Form menschlicher Zuwendung, die wir in der ostwestfälischen Gastronomie bisher noch nicht kennenlernen durften.

Als wir uns am Ende der gemütlichen Sitzung von Herrn Tseka die Rechnung präsentieren lassen, staunen wir nicht schlecht: Solche Preise wünscht sich der Durstige immer gern.

Zur Sonne, Paulusstraße 2, 33602 Bielefeld

Waldklause-Türsteherin Bella bellt am besten († = inzwischen geschlossen)

waldklause
Hat soeben sein prächtiges Siegel "Flaneur-geprüfte Gastronomie" überreicht bekommen:
Wirt Hazbi Hamza am blitzeblanken Leitstand seiner Steinofenpizza-Waldklause


Der späte Bielefelder Abend liegt schwer und dunkel auf der Stadt. Unser Weg führt uns durch menschenleere Straßen. Doch schon leuchtet warm das Ziel vor uns auf. Nun haben wir es erreicht - aber da steht urplötzlich DAS WESEN vor uns! Ein Körper nur aus Muskeln und Bereitschaft; Ohren wie von Großformatfledermäusen und die Bellblase randvoll. Es ist eine Miniatur-Hündin mit dem Stockmaß handelsüblicher Kleinkatzen, mit den Augen angefahrener Rehe und dem Zorn eines Rudels missverstandener Hütehunde. Das ist Bella. Sie ist von Beruf Türsteherin und beweist dies ruckzuck, als wir ihr mutig die Hand zum Schnuppern reichen - zack! ist sie auf den Hinterbeinen und steht und läuft und trippelt auf zwei Beinen wie eine 1a-Zirkus-Attraktion. Klasse Empfang in der Waldklause! Mal sehen, was der Laden sonst noch zu bieten hat.

Wir erwarteten hier lediglich ein Glasbiergeschäft anzutreffen, wo man den friedlichen Abend beim seriellen 0,2l-Pils nett wegplaudern kann. Doch Wirt Hazbi Hamza klärt uns auf, dass wir in einem Pizza-Bistro gelandet seien. Der 1-Euro-Kneipe, die hier tatsächlich einmal gewohnt habe, sei nur ein kurzes Leben beschieden gewesen. Aber unsere Getränkewünsche werden natürlich auch ohne Pizzabestellung anstandslos erledigt. Als Hazbi Hamza Anfang Mai den Laden übernommen hatte, ließ er den 50 Jahre alten Namen Waldklause wieder auferstehen. Auf 17 Jahre Berufserfahrung in Gütersloh und Bielefeld kann unser netter Wirt inzwischen zurückblicken, und das Pizzabacken war immer dabei. Wir können leider keine Auskunft darüber geben, ob er sein Handwerk versteht, aber seine dezidierten Beschreibungen der Zustaten, ihrer notwendigen Qualitätsstufen und seine schließlich umfangreich geschilderte Steinofenpizzabacktechnik lassen uns trotz gefüllter Mägen Geschmacksfäden aus den Mundwinkeln tropfen. Wenn dieser Pizzamann so gut ist, wie seine Beschreibungen es versprechen, dann müssen wir hier noch mal hin! Er erklärt uns jedenfalls sachlich und gelassen: "Wenn ihr hier eine Pizza esst, dann werdet ihr sagen: 'So eine Pizza gibt es nicht noch einmal in Bielefeld.' Dafür garantiere ich mit meinem Kopf." Das ist doch ein Wort. Auch nicht schlecht ist die Portion Ramzzotti, die uns Hazbi Hamza als Gute Nacht-Trunk serviert. Dann trollen wir uns heim. Auch Bella kann nach einem aufregenden Arbeitstag nun endlich schlafen gehen.

---> Waldklause, Am Rottmannshof 1, Ecke Voltmannstraße, 33619 Bielefeld
---> Hunger? Der Lieferservice wacht hier: 0521 - 9 89 23 77

Die lange Filmnacht im Treibsandkeller († = inzwischen geschlossen)

treibsand
Memos super Spontan-Gig nur für die Flaneure:
Das Treibsand ist immer für Überraschungen gut


Rizgo Seven, kurz Memo, ist ein seltenes Multitalent: Wirt, Sportler, Schauspieler und irgendwie auch Musiker. Als Wirt hat er das „Treibsand“ unter seinem Kommando. Als Sportler ist der Lokalfußball sein Metier. Als Schauspieler – und irgendwie auch Musiker – versteht er es, seine Gäste mit einer spontaner Maskerade zu überraschen, die ihn zum wilden Gitarristen werden lässt. Sein Spontan-Gig, nur für die Bielefelder Flaneure, ehrt uns sehr und begeistert uns noch jetzt.

Mit dem „Treibsand“ führt Memo eine der ältesten Bielefelder Gaststuben. Vor vielen, vielen Jahrzehnten, so erläutert er uns historisch einwandfrei bewandert, befand sich gleich nebenan das vielbesuchte Kino Astoria. Und sein „Treibsand“ fungierte damals als die Astoria-Erfrischungsstube. Das Kino ist inzwischen abgewandert, dafür ist ein pulsierender Gebrauchtwagenhandel gekommen, den Memos „Teibsand“ mit zusätzlicher Leutreklame überstrahlen muss, damit es – in einer Ecke von Brenner und Heeper Straße gelegen – überhaupt noch auffällt.

Gemütlich haben wir uns den Abend um die Ohren geredet, also geben wir Memo das Zeichen für die letzte Runde Leckerpils, nun muss uns nur noch jemand ins Bett schicken. Und da passiert es, dass Memo von dem Keller erzählt, den er unter dem „Treibsand“ entdeckt habe. Hier ständen noch viele alte Sachen aus dem längst verschwundenen Astoria. Wir werden wach: Was?! Alte Filmplakate? Oder gar mehr? Schnell ist Memo überredet, dass er uns seinen Schatz zeigen sollte. Der dreht den Schlüssel am Eingang auf Feierabend, geht dann hinter die Theke und öffnet dort unter Mühen eine Art Falltüre. Wir greifen uns aufgeregt die diversen Kerzen von den Schankraumtischen und steigen vorsichtig eine steile Treppe hinab. Was uns erwartet, ist überwältigend! Stapelweise Filmplakate, diverse Filmrollen, ein 36 mm-Filmvorführgerät – und alles ganz alt! Nun ist der Rest der Nacht verplant. Memo ist schnell bereit, ein kühles Fläschchen Raki und eine Kiste Bierchen in den Kellerraum zu reichen, dann setzen wir uns mit ihm an die hinterste Wand dieser cineastischen Schatzgrube und legen los: Start mit der Wochenschau vom Sommer 1956, dann ein jämmerlicher Vorfilm über Hunde und als Hauptfilm „Der Tiger von Eschnapur“. So geht es die ganze liebe lange Nacht weiter. Als Memos Frau auf der Suche nach Ihrem Mann am nächsten Morgen bei uns reinschaut, wundert sie sich nicht: „Memo, hast Du wieder ein paar Trottel gefunden, die diese alten Schinken mit dir kucken?“ ruft sie kopfschüttelnd. Und dann erfahren wir, dass wir die letzten Bielefelder sind, die von diesem Filmarchiv in dunkler Bielefelder Erde erfahren haben. Trotzdem, es war eine wunderschöne Filmnacht. Danke, Memo!

---> Treibsand, Heeper Straße 204, 33607 Bielefeld

Fleischzerbeißen im Klinkerpalast († = inzwischen geschlossen)

grillstation
Seit vier Jahrzehnten erfolgreich mit dem Schnitzel auf du & du:
Waltraud und Bruno Brüggeshemke in ihrer lieben Grillstation


Heute verlassen wir die City, heute wagen wir uns Richtung südliche Suburbs. Ist es die ewige, ungestillte Sehnsucht nach Neuem, nach Unerwartetem, die uns nun das Automobil Richtung Süden hetzen lässt? Oder ist es das streberische Bedürfnis, unserem heutigen netten Gast Sacha etwas Besonderes zu präsentieren? Wir wissen es nicht, denn lust- und triebgesteuert wissen wir nur eines: Wir haben Hunger! Schon rollt uns genau die Vierspurpiste stadtauswärts, die seinerzeit Namensgeberin für den alten Artur "Ohne-H" Ladebeck gewesen sein soll. Aber noch bevor wir so richtig an Fahrt gewonnen haben, bremst unser elegantes Auto auch schon wieder schnittig. Ein Lockschild hat uns eingefangen: "Gadderbaumer Grillstation" ruft es dem hungrigen Abendwanderer selbstbewusst zu, und es bleiben keine Zweifel: Hier sind wir richtig, hier wollen wir Essen fassen!

Wir betreten einen Raum aus Stein & Holz. Klinker & Balken geben hier den optischen Ton an, sogar die elefantenbeindicken Tischbeine sind verklinkert. Das hat man wahrlich selten. Ebenso rustikal tritt die Speisekarte auf, die uns der Wirt Bruno Brüggeshemke mit freundlicher Routine reicht, und sie stellt sogleich klar: Heute ist Schnitzeltag! Handballfeldgroße Fleischlappen im Knusperockermantel plus Pommes plus Mayo plus Senf plus Krautsalatfleck plus Tomätchen - wer soll das alles essen? Die Gäste rechts von uns haben schon gespeist, sitzen - die Hände andächtig gefaltet und auf der privaten Bauchwölbung abgelegt - vor großen leeren Tellern und blicken satt aus ebenso müden wie zufriedenen Augen. Unser klares Resümee: Wer Hunger hat und Fleisch zerbeißen will, der sucht Familie Brüggeshemke in ihrem kleinen Klinkerpalast auf. Hier wird ihm geholfen.

Begonnen hatte alles am 19. April 1963, da richtete Bruno Brüggeshemke in nur 20 Tagen harter Arbeit seine erste Grillstation am Lönkert ein. Danach folgten 20 erfolgreiche Jahre Brackweder Grillstation in der Hauptstraße, und nun sind schon 21 Jahre hier an der Artur-Ladebeck-Straße vergangen. Daher bereiten die freundlichen Wirtsleute nun endlich ihren verdienten Ruhestand vor. Ihre liebe Grillstation wollen sie verkaufen, und wir wurden sogar Zeugen der aktuellen Übergabeverhandlungen. Wenn das abgewickelt ist, wollen sie jedes Jahr schöne Rentner-Sommer in Griechenland verbringen. Dann heißt es, adé Schnitzel mit Senf an der Vierspurpiste!

Aber das bedeutet keinesfalls, dass sich Bruno Brüggeshemke Müßiggang verordnet, denn er ist nicht nur erfolgreicher Wirt, sondern auch Handwerker, Tüftler und Bastler. Mit ihm haben wir den Daniel Düsentrieb unter den Gastronomen endeckt: "Aquaprofi Combi Elektrogrill" heißt das Zauberwort hinter dem sich sein sensationeller "compakter, energiesparender Dreh- und Flächengrill in einem Gerät!" versteckt. Aber damit nicht genug, für die geplanten Griechenlandaufenthalte konstruiert er derzeit - auf seinem Werkgelände hinter der Grillstation - einen (O-Ton Brüggeshemke:) "saharatauglichen Pick up mit 15 m² Dachterasse incl. aufklappbarem Balkongitter und Beduinenzelt oben drauf" - Hammer! Bruno Brüggeshemkes Detailerläuterungen nehmen kein Ende und zeugen von ungebremstem Erfinderpotential. Und als er uns nicht ohne kleinen Stolz vom eigenen Häuschen in Griechenland berichtet, das er in 350 m Höhe und auf Sichtweite des Onassis-Mausoleums errichten will, hat er uns komplett geschafft: Soviel Energie und Tatendrang wünschen wir uns mit 68 Jahren auch noch. Aber vorher wünschen wir Waltraud und Bruno Brüggeshemke alles, alles Gute für ihre schönen Griechenlandpläne.

---> Gadderbaumer Grillstation, Artur-Ladebeck-Straße 70, 33617 Bielefeld

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