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Edgar van der Veken: Von Woodstock nach Bielefeld

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Links: Lebender Zeitzeuge beim Zapfen = Wirt Edgar van der Veken
Rechts: Lebendes Inventar beim Zufriedensein = Stammgast Indy


Die Speisekarte des Ulmen-Gartens hält heute nur Kleinigkeiten für den Abendtrinker bereit. Naja, denken wir seufzend, lassen wir uns also ein Döschen Industrie-Gulaschsuppe aufwärmen. Doch was der Wirt dann serviert, lässt uns kollektiv stutzen. Das ist eindeutig keine Dosenpampe mit Schmuddelfleischpopeln, das ist eine solide Hausmacher-Leckersuppe mit schmackhaften Fleischbrocken. Dazu erhalten wir die Auskunft, dass hier selbstverständlich alles von Wirtin Heidrun van der Veken gekocht werde. Und im übrigen habe das Wirtsehepaar das Paprikapulver für die Gulaschsuppe persönlich in Ungarn ausgewählt, eingekauft und anschließend nach Bielefeld transportiert. Wir sind beeindruckt und bestellen schnell noch eine Portion Durstlöscherpils. Weil so ein Süppchen nicht allzu groß ist, schiebt uns der fürsorgliche Wirt anschließend eine nette Schale Tortilla-Chili-Chips auf Maisbasis vor die Finger; ja da freut sich das Pils!

Und dann plaudern wir mit Wirt Edgar van der Veken über seinen Besuch in Tennessee, den er absolviert hat, um Jim Beam einmal daheim zu besuchen. Dabei ergibt ein Wort das andere und plötzlich begreifen wir: Das Schicksal hat uns gesegnet, indem wir Edgar van der Veken begegnen durften! Relaxed sitzt er auf seinem Barhocker, gelassen nippt er an seinem Jim Beam und geradezu bescheiden erzählt er von seinen Erlebnissen in - ja, tatsächlich: - in Woodstock. Vor 38,5 Jahren macht er sich gemeinsam mit seinem Bruder von Amsterdam auf die weite Seereise (3. Klasse) Richtung USA. Im Sommer 1969 erreichten sie schließlich den heute sagenumwogenen Ort, wo Jimi Hendrix, Neil Young, Janis Joplin und all die vielen anderen für sie auftraten. Drei Tage, lächelt er genießerisch, hätten sie gebraucht, um nach dieser Riesenparty wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Und heute steht er vor uns, der einzige Einwohner Bielefelds, der dabei gewesen ist. Wir spüren, wie uns sanft der Mantel der Musikgeschichte streift ...

Edgar van der Veken lebt übrigens erst seit zwölf Jahren in Bielefeld; die Liebe hat ihn hergebracht, und nun wohnt er als niederländischer Bielefelder in Bielefeld. Er stammt aus Maastricht, das er nicht ohne Leuchten in den Augen "Klein Paris" nennt und dessen französisches Flair er preist. "Zwölf Jahre Bielefeld und kein bisschen Rudi Carrell-Akzent?" staunen wir. Tja, man müsse sich halt ein bisschen Mühe geben, lacht Edgar van der Veken, dann ginge das schon. Und in seiner Kneipe geht so manches: Als seine Frau und er aus dem Ulmen-Garten am Niederwall rausgekickt wurden, haben 15 Stammgäste das neue Lokal renoviert - damit sie schnell ich ihre gute Stube wiederhaben. Als er 60 Jahre alt wurde, haben ihm die Gäste im Hinterzimmer eine komplette Miniatur-Eisenbahn-Anlage zusammengebastelt - die führt er uns sogleich vor.

Und was sonst noch geht, erzählt er uns dann: Wenn dieses Jahr zu Ende geht, schließt der Ulmen-Garten, und sogleich eröffnet hier das "Tabakskollegium Bielefeld" sein Domizil. Aus dem Ulmen-Garten wird also ein Raucherclub. Wir sind übrigens schon Mitglied, den Clubausweis haben wir jedenfalls schon. Im neuen Jahr müssen wir auf jeden Fall wieder hier hin: unser Siegel Flaneur-geprüfte Gastronomie austauschen gegen Flaneur-geprüfter Raucherclub. Und uns noch mehr Geschichten von Woodstock erzählen lassen.

---> Ulmen-Garten, Neustädter Straße 15, 33602 Bielefeld
Die Altherrenriege (Gast) - 2007/11/07 19:00

Aber Edgar van der Veken bleibt uns doch hoffentlich auch im Tabakskollegium erhalten, oder?
Oder gibt er etwa den Laden ab?

Das wäre ein Verlust!

Edgar van der Veken ist übrigens auch im Besitz eines königlich niederländischen Jubiläumsglases aus den 60er Jahren, welches er für ein Freibier und wenige Münzen aus dem Privatarchiv eines führenden Mitglieds der Altherrenriege heraustauschte ...

Bielefelder Flaneure - 2007/11/07 23:10

Ganz große Entwarnung, liebe Kollegen, natürlich wird Edgar van der Veken der Chefzapfer im Clubhaus des Tabakkollegiums sein. Und das Jubiläumsglas lassen wir uns auf jeden Fall beim nächsten Besuch zeigen.
Marschl (Gast) - 2007/11/08 07:56

Interessant zu wissen, dass tatsächlich (mindestens) eine Kneipe zu einem Raucherclub mutiert. Oder gibt es noch mehr?

Bielefelder Flaneure - 2007/11/08 08:21

Soweit wir wissen, lieber Marschl, ist die Ulmen-Garten-Aktion etwas Hochbesonderes in Bielefeld. Zwar wird in quasi allen Gastronomien das heranschleichende Rauchverbot diskutiert resp. verflucht, aber einen konstruktiven Umgang mit dem Problem hat uns bisher nur der Ulmen-Garten präsentiert. Man sollte sich also, so wills scheinen, rechtzeitig um einen Clubausweis bemühen. Wir haben natürlich schon einen; und dass wir Flaneure nicht alle aktive Raucher sind, spielt dabei keine Rolle.
Braun (Gast) - 2007/11/08 21:08

Ein Tabakskollegium zu eröffnen, ist eine gute Idee. Alte holländisch/deutsche Tradition:
http://www.preussen.de/de/geschichte/preussenlexikon/n-z/tabakskollegium.html

Bielefelder Flaneure - 2007/11/09 10:16

Der Braunsche Hinweis schenkt uns historische Information und ein königliches Bonmot: "In Meinung, dass der Gebrauch des Tabaks gegen alle böse Luft gut sei" führte Friedrich I. in Preußen Tabakskollegien ein. Hört-hört!
rosmarins foto contest - 2007/11/08 23:42

sieht so aus, als hätte ich demnächst sowas wie eine stammkneipe in bifi.... wenn man dort tabak huldigen kann.
1000 dank für den tip.
wiedermal mund wässrig gelesen hier.
ro

Bielefelder Flaneure - 2007/11/09 10:23

Frau Rosmarin, wir freuen uns stets, wenn wir Ihnen nützlich sein können. Ansonsten weisen wir unsere Leser gern und nachdrücklich auf Frau Rosmarins Fotocontest hin: Mitmachen!
rosmarin - 2007/11/09 23:47

prima wenn sie angespornt sind, liebe flaneure !!
das thema hat mit karneval tatsächlich nichts zu tun.... vielmehr mit...
"sind wir nicht auch ein bisschen bluna?"
und zeit ist relativ
Sebastian Lisken (Gast) - 2007/11/09 01:49

Raucherclubs soll es von mir aus geben -- es gibt allerdings auch eine unbekannte Zahl an Menschen, die das Rauchverbot in Kneipen sehnlichst erwarten und sich schon darauf freuen, einen Kneipengang demnächst als mögliche Abendbeschäftigung zu unternehmen. Ich bin einer von ihnen. Es wird so viel berichtet über Wirte, die das Verbot fürchten, und Kunden, die nach letzten Raucherreservaten suchen. Das halte ich für total überrepräsentiert und typisch für ein Land, das an der Zigarette hängt wie wenige andere in Europa. Die Erfahrungen aus Irland und Italien erscheinen positiv. Und, sorry, ich muß auch dies nachschieben: Rauchen ist eine riesige Dummheit, die nicht nur die Süchtigen selbst schädigt, sondern auch die Umgebung -- und ein Verbot ist offenbar das einzige, das die festgefahrene Unvernunft in diesem Land aufbrechen kann. In diesem Sinne viel Spaß in eurem Reservat, das ich euch gönne, weil es zum großen Glück wohl eine seltene Ausnahme bleibt.

Bielefelder Flaneure - 2007/11/09 10:27

Nur die Hälfte von uns zählt übrigens zu den aktiven Rauchern. Trotzdem gibt es zu diesem Thema keine Diskussionen bei uns. Letztlich ist der Umgang mit dem Rauchen eine Frage des rücksichtsvollen und zivilisierten Umgangs miteinander. Aber nun kommt halt ein Gesetz, und dann kommen Raucherclubs, und dann ist Frieden.
Sebastian Lisken (Gast) - 2007/11/10 05:20

Ich bin natürlich auch nicht bei jeder Gelegenheit so massiv mit meinen Äußerungen zu dem Thema, aber wenn ich in einem Blog dazu schreibe, muß ich grundsätzlich werden. :-) Das Leben besteht aus Kompromissen, so gehe ich sehr gern tanzen (wenn die Musik stimmt), muß dann aber noch in der Nacht die Haare waschen (deshalb kommentiere ich hier auch noch um 5 Uhr morgens). In Kneipen schwankt mein Gefühl aber immer zwischen Geselligkeit und unterschwelligem Fluchtreflex, deshalb sind sie für mich negativ besetzt und ich gehe bisher sehr selten hin. Nach dem Rauchverbot wird es sicherlich eine Phase der Gewöhnung geben, aber ich halte es für einen überfälligen und großen Schritt, und ich bin sehr optimistisch, daß die meisten Leute es bald als Verbesserung begreifen werden.
Bielefelder Flaneure - 2007/11/11 23:42

Zweifellos, lieber Sebastian Lisken, kann der Tabaksqualm nach einem längeren Kneipenbesuch in Kleidung und Haaren nerven. Wir wissen, wovon Sie sprechen. Alter Qualmrest im Pullover ...
Die Altherrenriege (Gast) - 2007/11/09 02:58

Na bitte: es geht doch! Flaneure machen Geschichten!

Die NW bringts groß raus!

"Bielefeld. Zwei Nichtraucher seien unter seinen Stammgästen, sagt Gastwirt Edgar van der Veken. Müsste er seinen Gästen das Rauchen verbieten, sobald das Nichtraucherschutzgesetz gilt, "dann hätte sich das hier erledigt". Damit sich das nicht erledigt hat, wird van der Veken am 15. Dezember seine Kneipe "Ulmen-Garten" schließen und am 20. Dezember als "Tabakskollegium Bielefeld" neu öffnen: Bielefelds erster Raucherclub, in dem der Gesetzgeber keine Handhabe hat. Erstmal.

"Wir unterstützen das", sagt Thomas Keitel, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands, über den Raucherclub-Plan, den jetzt die Internetseite "Bielefelder Flaneure" öffentlich gemacht hat. (...)"

http://www.nw-news.de/_inc/_globals/print.php?client=nw&cnt=1956628&ref=/nw/lokale_news/bielefeld/bielefeld/

Bielefelder Flaneure - 2007/11/09 10:30

Tja, man hört schon munkeln, dass inzwischen viele Redakteure zu Dienstbeginn ins Internet schauen, mit dem Gedanken "Erstmal sehen, was die Flaneure Neues melden" ...

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