Die lange Filmnacht im Treibsandkeller († = inzwischen geschlossen)

Memos super Spontan-Gig nur für die Flaneure:
Das Treibsand ist immer für Überraschungen gut
Rizgo Seven, kurz Memo, ist ein seltenes Multitalent: Wirt, Sportler, Schauspieler und irgendwie auch Musiker. Als Wirt hat er das „Treibsand“ unter seinem Kommando. Als Sportler ist der Lokalfußball sein Metier. Als Schauspieler – und irgendwie auch Musiker – versteht er es, seine Gäste mit einer spontaner Maskerade zu überraschen, die ihn zum wilden Gitarristen werden lässt. Sein Spontan-Gig, nur für die Bielefelder Flaneure, ehrt uns sehr und begeistert uns noch jetzt.
Mit dem „Treibsand“ führt Memo eine der ältesten Bielefelder Gaststuben. Vor vielen, vielen Jahrzehnten, so erläutert er uns historisch einwandfrei bewandert, befand sich gleich nebenan das vielbesuchte Kino Astoria. Und sein „Treibsand“ fungierte damals als die Astoria-Erfrischungsstube. Das Kino ist inzwischen abgewandert, dafür ist ein pulsierender Gebrauchtwagenhandel gekommen, den Memos „Teibsand“ mit zusätzlicher Leutreklame überstrahlen muss, damit es – in einer Ecke von Brenner und Heeper Straße gelegen – überhaupt noch auffällt.
Gemütlich haben wir uns den Abend um die Ohren geredet, also geben wir Memo das Zeichen für die letzte Runde Leckerpils, nun muss uns nur noch jemand ins Bett schicken. Und da passiert es, dass Memo von dem Keller erzählt, den er unter dem „Treibsand“ entdeckt habe. Hier ständen noch viele alte Sachen aus dem längst verschwundenen Astoria. Wir werden wach: Was?! Alte Filmplakate? Oder gar mehr? Schnell ist Memo überredet, dass er uns seinen Schatz zeigen sollte. Der dreht den Schlüssel am Eingang auf Feierabend, geht dann hinter die Theke und öffnet dort unter Mühen eine Art Falltüre. Wir greifen uns aufgeregt die diversen Kerzen von den Schankraumtischen und steigen vorsichtig eine steile Treppe hinab. Was uns erwartet, ist überwältigend! Stapelweise Filmplakate, diverse Filmrollen, ein 36 mm-Filmvorführgerät – und alles ganz alt! Nun ist der Rest der Nacht verplant. Memo ist schnell bereit, ein kühles Fläschchen Raki und eine Kiste Bierchen in den Kellerraum zu reichen, dann setzen wir uns mit ihm an die hinterste Wand dieser cineastischen Schatzgrube und legen los: Start mit der Wochenschau vom Sommer 1956, dann ein jämmerlicher Vorfilm über Hunde und als Hauptfilm „Der Tiger von Eschnapur“. So geht es die ganze liebe lange Nacht weiter. Als Memos Frau auf der Suche nach Ihrem Mann am nächsten Morgen bei uns reinschaut, wundert sie sich nicht: „Memo, hast Du wieder ein paar Trottel gefunden, die diese alten Schinken mit dir kucken?“ ruft sie kopfschüttelnd. Und dann erfahren wir, dass wir die letzten Bielefelder sind, die von diesem Filmarchiv in dunkler Bielefelder Erde erfahren haben. Trotzdem, es war eine wunderschöne Filmnacht. Danke, Memo!
---> Treibsand, Heeper Straße 204, 33607 Bielefeld
Bielefelder Flaneure - 2007/09/25 16:53