Fremdflaniert und nicht bereut (Sonderbericht aus Mallorca)

In aller Seelenruhe Großes schaffen:
Blas Soto, der Hohepriester in Lukulls Tempel
Auch ein Flaneur muss manchmal Urlaub machen, und diesmal hat es uns auf die große der ballearischen Inseln verschlagen. Die Suche nach einer geeigneten Unterkunft mit seelepeppendem Ambiente war sehr erfolgreich. Villa Lorenzo heißt das Schätzchen, das uns für nettes Geld besten Komfort und enorm freudliche Gastleute beschert. Wenn TV-Reisejournale von der Schönheit Mallorcas schwärmen, dann gehört ein Kameraschwenk über den Hafen von Cala Figuera stets zum Standard der Berichterstattung. Allerdings spricht das nicht gegen dies hübsche Städtchen an der mallorquinischen Südküste, denn Cala Figuera kann sich gegen TV-Sterotypen einfach nicht wehren. Es ist von Natur aus zu nett und zu fein und zu ruhig. Unklar ist eh, ob es von unserem Planeten stammt. Geologen der Universität Madrid gehen inzwischen davon aus, dass Cala Viguera vor etwa 200 Jahren komplett, also so wie es ist, aus dem Weltraum heranrasend auf die Erde geknallt ist. Dafür sprechen viele außerirdisch gute Details, die man in diesem Flecken bestaunen darf. Und von einem dieser Details soll hier & heute die ehrfürchtige Rede sein: Von Blas Soto und seiner Kochkunst.
Die Eheleute Coloma und Blas Soto führen mit ihrer Villa Lorenzo nicht nur ein niedliches Hotelchen (14 Zimmer), sondern pflegen mit ihrem integrierten Restaurant einen Tempel des mallorquinischen Gaumenglücks. Der Hohepriester dieses lukullischen Borns heißt Blas Soto, und uns fehlen die Worte, seine Köstlichkeiten angemessen zu beschreiben. Blas ist gestern 60 Jahre alt geworden, und wir hatten das große und unvergessliche Glück, an seiner Geburtstagsfeier teilnehmen zu dürfen. Ja, sowas kann Ihnen hier passieren, denn Familie Soto schließt nette Gäste manchmal recht schnell in ihr großes, ehrliches Herz. Der Reisekatalogspruch "familiär geführtes Hotel" ist hier tatsächlich Wirklichkeit; wir sind Zeugen.
Zur Geburtstagsfeier sind Freunde aus dem In- und Ausland, Familienmitglieder vom Festland und Insulaner aus der Umgebung angereist. Alle lassen Blas, den bedächtigen und weisen Mann immer wieder hochleben, und er dankt es mit einem gigantischen Buffett, das bei uns Geburtstagsgästen immer neue Verzückungen hervorruft. Nun denken Sie, er habe sich für seinen Geburtstag besonders angestrengt? Aber ansonsten produziere er Hausmannskost im Schnellverfahren? Weit gefehlt! Die kleine Villa Lorenzo ist längst zum Gourmet-Geheimtipp avanciert, so dass sich hier auch gelegentlich Leute einfinden, die Sie möglicherweise vom TV kennen. Wen wir damit meinen, ist doch egal. ...na gut, z.B. Klaus Meine von den Skorpions, der irgendwo in der Nähe seine obligatorische Finca haben soll, könnte Ihnen hier den letzten Sitzplatz wegschnappen. Wir haben Sie gewarnt!
Was uns die wunderbare Feier übrigens offenbarte: Es muss irgendein iberisches Flamenco-Gen geben. Anders ist es uns jedenfalls nicht mehr erklärlich, wie die Gäste auch um ein oder zwei Uhr nachts hochgradig stürmisch, aber trotzdem rundum rhythmussicher sangen und tanzten, dass es eine Pracht war. Ostwestfälische Feste verlaufen irgendwie anders, vor allem deutlich nach Mitternacht.
Als wir das Geburtstagsfest in den Tiefen der Nacht glücklich und zufrieden verlassen, nimmt uns ein Nachbar beiseite. Ob wir eigentlich wüssten, bei wem wir da gerade gegessen hätten? Blas sei nicht irgendein Koch, erklärt uns der freundliche Mann in aller Ruhe, neinnein, Blas sei ein Künstler. Wenn der König die Insel besuche, dann rufe man Blas, damit er dem König den Nachtisch bereite. "Nur den Nachtisch?" staunen wir teilnahmsvoll. "Der arme König!" Da freut sich der Nachbar, weiß er doch, dass wir ihn verstanden haben.
---> Villa Lorenzo, C/Magallanes 11, 07659 Cala Figuera - Santanyi, Mallorca, España
Bielefelder Flaneure - 2007/05/20 12:56
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