Samstag, 17. November 2007

Wacholderdestilat und Vanilleduft (Sonderbericht aus Steinhagen)

Bettina
Wo das Wacholderdestilat keine Gefangenen macht und das Schnitzel erst nach Spielfilm-
länge eintrifft: Doch was wäre Steinhagen ohne die fleißige Bielefelderin Bettina Kreißl?


Lange ist es her, dass wir Sie mit einem Sonderbericht über die Gastronomie in der Ferne bereichert haben. Damals schauten wir uns Mallorca an, heute ist Steinhagen (Kreis Gütersloh) unser exotisches Ziel. Hier sind wir verabredet mit der engagierten TV-Redakteurin Anina Bromm und dem kreativen Kameramann Alexander Roch. Viele aufregende Drehtage liegen hinter uns, das schweißt zusammen und muss mit einem besonders exotischen Abschlussessen besiegelt werden. Dazu haben wir uns das Steinhäger Häuschen im fernen Steinhagen ergoogelt und betreten nun die Gaststube, ein Fachwerkhaus im Dorfzentrum. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Draußen ist es friedhofsruhig und kerkerdunkel, keine Seele ist weit und breit zu sehen. Doch im Steinhäger Häuschen sind die Gäste in Dorfstärke eingefallen. Hier plaudert, trinkt, speist und raucht fast ganz Steinhagen, und zwar hochagil. Gar nicht so einfach, noch einen freien Tisch zu sichern, doch schließlich sitzen wir neben einem Obstbrand-trinkenden Frauentisch mit Gemütlichkeitsaura. Stark zieht auch die kreiselige Tapete und das hauseigene Interieur unsere Aufmerksamkeit an. Aber dass die Toilette in erstaunlichem Vanilleduft erstrahlt, lässt uns doch besonders aufmerken.

Nach 30 Minuten beginnen wir uns zu wundern, dass unseren Tisch noch keine Nahrung erreicht hat. Doch dann wird uns klar, dass wir Teil eines spirituell-mediativen Plans geworden sind: Warten (45 Min.), geduldiges Warten (60 Min.) lässt den Wert der Speisen erst richtig erleben und erfühlen. Wenn der Hungerpunkt endlich überwunden ist (75 Min.), tritt transzendente Erleuchtung ein: Essen ist profan. Nahrung ist Ballast. Hunger ist Einbildung. Daher verwerfen wir die Idee, ein Pizza-Taxi zu alarmieren (82 Min.), sondern versinken im Glücksgefühl der Geduldigen (87 Min.). Doch schließlich weckt uns die nette Kellnerin aus tiefer Trance (89:30 Min.) und beglückt uns mit Weihrauch, Myrrhe und – Quatsch: Steinhäger Schnitzelparade & Co. ist angesagt! Sympathische Fleischvarianten, maulfreundliche Pommes, köstliche Bratkartoffeln und beißfrische Salate holen uns in die glückliche Welt des Schlemmens zurück. Später recherchieren wir folgende Hintergrundfakten: Der Koch hat heute frei. Der Chef legt an dessen Stelle allein die versierte Hand an die Kochtöpfe und Brutzelpfannen. Heute brummte der Laden infernalisch. Elternstammtische der Steinhäger Schulen sind komplett eingelaufen. Mit anderen Worten: Wir hatten keine Chance auf eine Blitzverköstigung.

Nach der Sättigung nippen und plaudern wir weiter, bis wir plötzlich bemerken: wir sind allein in der Wirtsstube, Steinhagen ist hübsch pünktlich ins Bett gegangen. Auch der Wirt hat sich erschöpft heimgeschleppt, nur noch die nette und fleißige Bedienung Bettina Kreißl bleibt uns als hiesige Gesprächspartnerin. Doch von ihr müssen wir erfahren, dass sie hier als Bielefelder Gastarbeiterin tätig ist, Infos über das Steinhäger Landleben sind bei ihr also nicht abzuholen. Aber sie beglückt uns mit einem lieblichen Wacholderdestilat, das garantiert in Steinhagen gebrannt wurde. Gänsehaut de luxe prasselt über unsere Körper. Ja, dieses Getränk räumt den Magen auf! Und macht dabei keine Gefangenen. Als wir schließlich aufbrechen, um durch den Teutoburger Wald heim zu rollen, resümiert unser Lieblingskameramann Alex erstaunt: "Noch nie im Leben war ich so lang in Steinhagen!" Und wir pflichten ihm bei.

---> Steinhäger Häuschen, Bahnhofstraße 2, 33803 Steinhagen

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